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Ich habe bis vor kurzem mit meinem Sohn in Wien gelebt. Ich bin Alleinerzieher. Das war eine schwierige Lebenssituation, weil ich das Gefühl hatte, dass ich wenig Spielraum und Beweglichkeit in meinem Leben habe. Während der Corona-Zeit kam auch noch Homeschooling dazu, in einer engen, kleinen, dunklen Wohnung. Wir sind in diese Wohnung gerade erst gezogen, denn in der früheren Wohnung war es sehr laut.

Ich habe stark zu kämpfen gehabt mit der großen Verantwortung für meinen Sohn, mit der Anonymität der Stadt, dem fehlenden Unterstützungsnetzwerk in unmittelbarer Nähe und nervlicher Dünnhäutigkeit. Ich bin nicht zur Ruhe gekommen.

 

Die Kindsmutter ist 1.000 Kilometer weit weg, mein Sohn sieht sie derzeit nur einmal im Jahr. Wir haben uns vor fünf Jahren getrennt. Der Richter hat entschieden, dass unser Kind besser bei mir aufgehoben ist, weil es bei der Mutter Situationen gab, die das Jugendamt negativ für das Kind eingeschätzt hat. Er ist nun elf Jahre alt.

 

Natürlich gibt es in der Stadt Dinge, die ich nicht gleich aufgeben wollte, Freunde, Workshops, Abendveranstaltungen. Das Tanzen habe ich für mich entdeckt, Qi-Gong und Tai-Chi-Kurse habe ich regelmäßig besucht. Es fiel mir schwer, mir vorzustellen aus der Stadt wegzugehen, weil ich doch einige Dinge sehr schätzte.

 

Ich habe mich viel mit Methoden beschäftigt, wie man zur Ruhe kommen kann. Ich habe Plätze aufgesucht, die einem Kraft spenden, auch Klöster und Retreatorte, also ein Umfeld, das einem neue Perspektiven im Leben gibt, wo man einen klaren Alltag hat und man sich auf Wesentliches konzentrieren kann. Der Wunsch nach so einem Platz war bei mir intensiv da. Ich habe angefangen Erfahrungen zu sammeln und habe das Symposium „Klöster der Zukunft“ organisiert. Mich hat interessiert, wie sind die Aspekte von Klöstern lebbar, in einem nicht-religiösen Kontext, mit einer Offenheit für Vielfalt.

 

Vorerst war aber noch der Alltag in Wien. Ich habe an der Angewandeten Kunstakademie in Wien Industrial Design studiert, aber nicht abgeschlossen. Dann habe ich Tai-Chi und Qi-Gong-Ausbildungen gemacht, ich habe mit Eventfotografie angefangen. Aber es waren zu wenige Einnahmen, um davon leben zu können. Ich habe für meinen Sohn auch nur 25 Euro Alimente bekommen und war an die staatliche Unterstützung gebunden. Das engt das Leben natürlich ein. Aber in diesem Rahmen habe ich trotzdem immer versucht, den Dingen nachzugehen, die mir Freude machen und Kontakte zu knüpfen, wo es Resonanz gibt, wo es Gemeinsamkeiten gibt. Auf diesen Jahren der Erfahrungen habe ich ein gutes Netzwerk gebaut. Das war ein Element, das mich bestärkt hat, den Schritt zu machen, ein Projekt zu starten. Gerade auch zu diesem Zeitpunkt in Wien, wo es sich sehr eng und hoffnungslos angefühlt hat, in dieser dunklen Wohnung, wo ich gespürt habe, ich muss dringend etwas ändern.

 

Ich habe schon vor mehr als zehn Jahren leerstehende Klöster besichtigt und die Absicht gehabt, sie in etwas Neues zu transformieren. Dann ist im Mai 2021 dieses Grundstück hier im Burgenland aufgetaucht, es hat sich einladend angefühlt, auch mit den Nachbarn hier. Die Entfernung von Wien ist optimal, eben für Events sehr gut geeignet, weil man nur eine Stunde fährt. Wir haben einen Verein gegründet, „Zukunft Sonnengarten“ ist nun mal der Arbeitstitel. Es fehlt noch der Schritt in die Öffentlichkeit, das Marketing und der passende Name. Ich lebe nun hier mit meinem Sohn, momentan mit zehn anderen Gleichgesinnten.

Es ist ein Gemeinschaftsprojekt, aber auch ein Betrieb, ein Herzensprojekt, wo jeder viel Energie investiert.

 

Wir wollen Seminarräume für Kurse und Workshops für körperorientierte Ansätze, Persönlichkeitsentfaltung, Retreats, Tanzveranstaltungen bieten. Menschen können auch zu einer Auszeit kommen, als Gast eine gewisse Zeit in der Gemeinschaft leben, Coachings sollen angeboten werden. Menschen, die viel alleine sind, können hier sein, um in Kontakt zu sein. Ein Mitbewohner will Clown-Workshops machen, und es gibt viele andere Ideen.

 

Einerseits bietet der Platz also Ruhe, aber auch das Spielerische, Kreative, ein Platz, wo man sich ausdrücken und entfalten kann.

 

Menschen, die keine Kinder haben, können mit Kindern herumtollen. Wir planen auch Angebote für Kinder und Jugendliche in der Region. Für Kurse und Veranstaltungen muss man nicht herumfahren, sondern es soll alles hier sein. Wir holen uns die Qualität der Stadt hier aufs Land und haben auch die Qualität vom Land, vor allem die Ruhe. Wir haben ein großes Netzwerk und hoffen, dass wir viele Menschen mit dem Projekt ansprechen können. Wir suchen Menschen, die phasenweise oder dauerhaft beim Projekt vor Ort mitwirken wollen, sowie Menschen, die ihr Geld in Form eines Vermögenspool anlegen wollen, damit wir das Grundstück bald kaufen können. 

 

Geld bedeutet Möglichkeitsraum, Armut schränkt ein, nicht nur in finanzieller Hinsicht. Wenn Perspektiven fehlen, die Energie spenden, kann es sich eng und traurig anfühlen.

Aber man kann auch kreativ sein und dann entstehen ebenfalls Spielräume, vor allem durch Netzwerke. Man kann lernen Dinge anders zu sehen. Man kann sich auch überlegen, wie kann man Geld verdienen mit einem eigenen Projekt. Eigeninitiative zu ergreifen, nicht abhängig von Firmen sein, die dich nehmen oder nicht nehmen. Ich habe gemerkt, ich bin für den Arbeitsmarkt wohl nicht geeignet, in mir war aber ein Funke, selber initiativ zu werden, schöpferisch und unternehmerisch zu sein. Da gibt es zwar Jobs, dafür braucht man diese oder jene Ausbildung, doch das hat sich immer eng für mich angefühlt.

 

Ich kenne Menschen in prekären Lebenssituationen, die allein schon deshalb deprimiert sind, weil die Fähigkeiten, die sie mitbringen nicht dazu passen, was in unserer Gesellschaft gefragt ist. Man findet den Platz nicht, weil man den Anforderungen nicht entspricht. Es ist wichtig diesen Menschen Möglichkeiten aufzuzeigen und Inspiration zu geben.  

 

Was gemeinsam schaffen, gemeinsam an einem Strang zu ziehen, das macht mir Freude und gibt mir Kraft. Ruhe und Stille sind für mich sehr wesentlich, ebenso Bewegung und Kontakt. Beim Tanzen kann ich mich körperlich ausdrücken. Der Raum, viel Platz ist für mich wichtig. Das Projekt gibt mir Hoffnung. Ich habe ein Bild von einem Horizont, wo man in die Weite sieht, das macht mich innerlich auch weit, der Horizont verbindet Himmel und Erde. Das Verbindende im Gegensätzlichen zu suchen, ist wichtig, die Gegensätze nicht nur als Kontrast wahrzunehmen, sondern zu fragen, was steckt dahinter, was verbindet uns trotzdem, auch wenn wir unterschiedlicher Meinung sind. Dafür soll dieser Ort auch da sein. Ich möchte gerne Räume schaffen, wo sich Menschen begegnen können und Neues entstehen kann. Der Platz soll dazu einladen. 

www.zukunft-sonnengarten.at

paul

LESEZEIT: 08-10 min

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