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LESEZEIT: 07-10 min

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Ein großer Fehler war, dass ich dachte, ich muss immer alles ganz korrekt machen um aus der Armutsfalle rauszukommen. Im Nachhinein gesehen war es ein Fehler, dass ich jedes Mal umgezogen bin, wenn mir die Wohnung zu teuer wurde. Zuerst sind wir umgezogen, weil die Familie größer wurde und dann, weil sie wieder kleiner wurde. Die Kinder leiden immer noch darunter, dass sie so oft entwurzelt worden sind.

Die Armut ist in unserer Familie schon in der dritten Generation da. Meine Mutter war 19, als sie mich bekommen hat. Nach der Geburt meiner Schwester haben sich meine Eltern scheiden lassen und wir sind dann bei meiner Mutter geblieben.

Sie hatte aufgrund der Belastungen psychische Probleme. Ich habe immer darauf geachtet, dass niemand bemerkt, wenn sie im Bett geblieben ist. Ich habe oft meine kleine Schwester und mich versorgt: In den Kindergarten bringen, Essen machen etc. Ich habe da die Elternrolle übernommen.

Ich habe immer darauf geachtet, dass niemand bemerkt, wenn sie im Bett geblieben ist. Ich habe oft meine kleine Schwester und mich versorgt: In den Kindergarten bringen, Essen machen etc. Ich habe da die Elternrolle übernommen.

Später hat meine Mutter meinen Stiefvater kennengelernt und der war so etwas wie die Rettung meines Lebens. Er war ganz ein toller Mensch. Der hat mich einfach wahrgenommen und mir die Welt gezeigt, die Natur, Kunst und Musik, das Theater.

Trotzdem bin ich mit 16 von zu Hause ausgezogen, habe die Schule abgebrochen und dann schwarz in der Eventbranche gearbeitet. Das war eine tolle Zeit.

 

Einmal hat mich eine Betreuerin gefragt, warum ich nie abgetrieben habe. Aber ich habe die Kinder immer als Geschenk empfunden. Ich habe da Paare vor Augen gehabt, die jahrelang verzweifelt versuchen, ein Kind zu bekommen. Ich habe darauf vertraut, dass schon alles gut gehen wird. Gegen die Meinung meiner Herkunftsfamilie. Ich war so naiv zu glauben, dass wir als Gesellschaft ja Kinder brauchen und dass in einem Sozialstaat auch dafür gesorgt ist, dass sie gut aufwachsen können.

Ich war zwanzig, als ich mein erstes Kind bekommen habe und bald darauf das Zweite. Und da war für mich klar: Ich muss aus der Armutsfalle raus! Ich will meine schulische Ausbildung fertig machen. Mir ist es dann gelungen, in eine HTL quer einzusteigen. Das ist aber leider nicht gutgegangen. Nicht wegen fehlender schulischer Leistung, sondern weil ich wegen der Kinder viele Fehlstunden hatte.

Also bin nach Kärnten zurück, habe dort kurz die Abendschule besucht bis ich eine Arbeit gefunden habe. Das war eine tolle Arbeit, die mir Spaß gemacht hat und als das dritte Kind gekommen ist, wollte ich gern in Teilzeit weiter machen. Der Kindsvater war aber komplett dagegen und daran ist letztendlich auch die Beziehung gescheitert.

Das war eine tolle Arbeit, die mir Spaß gemacht hat und als das dritte Kind gekommen ist, wollte ich gern in Teilzeit weiter machen. Der Kindsvater war aber komplett dagegen und daran ist letztendlich auch die Beziehung gescheitert.

Dass ich hochbegabt bin, ist zufällig beim AMS herausgekommen. Dabei habe mich oft für dumm gehalten. Als ich es erfahren habe, hat es dann schon einige "fall into place"-Erkenntnisse gegeben, wo ich mir dachte: Aha, auf einmal macht das Sinn. Mittlerweile ist dieser Aspekt einfach ein normaler Teil meines Lebens geworden.

 

Es gibt wahrscheinlich nicht viel Armutsbetroffene, die nicht Gewalterfahrungen gemacht haben. Es gibt sicher auch in den oberen Schichten Gewalt, aber ich glaube schon, dass Armutsbetroffene dem häufiger ausgesetzt sind, und ohnmächtiger sind. Weil du nicht einfach weggehen kannst.

Es gibt sicher auch in den oberen Schichten Gewalt, aber ich glaube schon, dass Armutsbetroffene dem häufiger ausgesetzt sind, und ohnmächtiger sind. Weil du nicht einfach weggehen kannst.

Nach einem totalen Zusammenbruch im Jahr 2011 habe ich Reha-Geld bekommen. Jedenfalls war ich in dieser Schiene, wo ich jedes Jahr aufs Neue von der PVA beurteilt wurde. Über 10 Jahre lang. Das zermürbt. Und dann kam Corona, und ich hatte plötzlich drei Jugendliche, die drei verschiedene Schulen besuchten, rund um die Uhr bei mir daheim. Das war für uns alle echt eine Katastrophe, emotional und körperlich.

Kurz vor den Sommerferien, die wir alle zur Erholung dringend gebraucht hätten, kam ein Brief und das Reha-Geld wurde mir aberkannt. Ich sei für leichte Arbeiten halbtags arbeitsfähig. Woher ich in dieser ganz speziellen Zeit eine solche Arbeit bekommen könnte und wie ich mit diesem Lohn meine Familie erhalten sollte, dafür hat sich offensichtlich niemand interessiert.

Plötzlich hatte ich für eine vierköpfige Familie statt 1.500 Euro nur noch 600 Euro zur Verfügung.

Plötzlich hatte ich für eine vierköpfige Familie statt 1.500 Euro nur noch 600 Euro zur Verfügung. Ich habe mich gegen ein Ansuchen um Mindestsicherung entschieden, weil da das Ersparte meines Sohnes mit eingerechnet worden wäre.

Der Einspruch hat ein ganzes Jahr lang gedauert. Das läuft über Gerichtsgutachter und ist enorm belastend. Ohne die finanzielle Hilfe meiner Oma und die Unterstützung vom Jugendamt hätte ich das nicht geschafft. Nach einem Jahr wurde es wieder aberkannt. Ich habe wieder Einspruch erhoben, und so weiter. Täglich grüßt das Murmeltier. Ich weiß gar nicht, wie ich das alles überlebt habe.

Viele geben ja auf, aber wenn du noch Kinder versorgen muss, ist das keine Option. Schließlich wurde ich zu einer sechswöchigen Psycho-Reha verpflichtet und das war wirklich abartig. Mir scheint, da verdienen ein paar Leute viel Geld mit armen Menschen und behaupten, dass sie die psychisch rehabilitieren, obwohl die meisten der Klienten vor allem existentielle Probleme haben, nicht genug Geld, keine Wohnung, keinen Job.

Mir scheint, da verdienen ein paar Leute viel Geld mit armen Menschen und behaupten, dass sie die psychisch rehabilitieren, obwohl die meisten der Klienten vor allem existentielle Probleme haben, nicht genug Geld, keine Wohnung, keinen Job.

Obwohl es mir dort sehr schlecht ging, ist im Befund dann trotzdem gestanden: Leichte Besserung. Und das Reha-Geld wurde mir zum dritten Mal aberkannt. Ich hatte keine Kraft mehr. Aber eine ganz tolle Beraterin von pro mente hat nicht lockergelassen. Und vor rund acht Monaten wurde mir endlich eine Pension zuerkannt.

 

Manche Leute sagen „Du schaust ja so gesund und fröhlich aus!“ Sie verstehen nicht, dass man den Menschen ihre Krankheit nicht immer ansieht. Wenn ich aus dem Haus gehe und mit Menschen spreche, sind das gute Tage. Wenn es mir schlecht geht, sieht mich niemand.

Soziale Interaktionen sind oft schwierig und anstrengend für mich. Weil ich oft zu direkt und wenig diplomatisch bin, ecke ich oft an.

Ich habe immer, wenn es möglich war, Kurse besucht, später auch an der Uni. Das war möglich, weil die Uni in Klagenfurt so klein ist, dass die Professoren auf meine spezielle Situation eingehen konnten.

So ist es mir sogar gelungen, einen Abschluss zu machen. Ich war echt stolz auf mich. In meiner Herkunftsfamilie haben sie nur gemeint, ich würde jetzt wohl eingebildet werden, als Studierte.

 

Der Traum, durch Bildung wieder ins Berufsleben einsteigen zu können,
hat sich nicht erfüllt.

 

Der Traum, durch Bildung wieder ins Berufsleben einsteigen zu können, hat sich nicht erfüllt. Ich lebe in einer Gemeindewohnung in Klagenfurt-Land. Leider sind da rundherum nur Maisfelder. Wenn ich in die Natur will, muss ich mit dem Zug wegfahren. Wenn es mir nicht gut geht, dann schaffe ich das oft nicht.

Einmal in der Woche bekomme ich von der Caritas in Klagenfurt Lebensmittel. Darauf musste ich ein dreiviertel Jahr warten.

Für eine Psychotherapie steh ich noch immer auf einer Warteliste.

Das ist oft ein Problem: Die Hilfen greifen nicht schnell genug. Auch die Pension habe ich erst fünf Monate nach der Zuerkennung ausbezahlt bekommen.

Das ist oft ein Problem: Die Hilfen greifen nicht schnell genug. Auch die Pension habe ich erst fünf Monate nach der Zuerkennung ausbezahlt bekommen.

In dieser schwierigen Zeit habe ich angefangen, Ukulele zu spielen. Das hat mich irgendwie gerettet. Es lenkt mich von den Problemen ab und ich kann gar nicht anders als fröhlicher zu werden, wenn ich Musik mache. Manchmal übe ich am Bahnsteig auf meiner Ukulele und ich muss sagen, die Menschen reagieren sehr positiv darauf. Ich freue mich sehr, wenn ich Menschen mit Musik den Tag erhellen kann.

Ich engagiere mich bei der Armutskonferenz und bei der Initiative "fair sorgen!". Ich dachte mir: Jetzt habe ich keine Kinder mehr daheim, jetzt kann ich politisch tätig werden. Das gelingt natürlich nicht immer: Auch erwachsene Kinder bekommen Probleme, und so bin ich aktuell wieder mit unbezahlter Care-Arbeit ausgelastet.

Armutsbetroffene selbst haben meistens wenig Möglichkeit, auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Deshalb finde ich das Lebensskizzen-Projekt so großartig und wichtig. Ich bin dankbar, dass ich hier meine Geschichte erzählen darf.

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