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LESEZEIT: 06-09 min

aki

Es ist passiert, wie ich 17 war. Ich habe beim BFI in Freistadt Tischler gelernt, und war dann für die Berufsschule in einem Internat untergebracht, nur am Wochenende daheim. Ich ruf meine Mama an, und sie sagt, sie kann gerade nicht, der Gerichtsvollzieher steht vor der Tür. Für mich war das völlig überraschend, weil mir vorher nichts gesagt worden ist. Später hat sie gemeint, sie habe nichts gesagt, weil sie sich so geschämt hat dafür.

Später hat sie gemeint, sie habe nichts gesagt, weil sie sich so geschämt hat dafür.

Wie auch immer, ich bin auf der Straße gelandet. Und ich hab meine Sachen nicht mitnehmen können, ich hab nichts packen dürfen, sie haben mir alles weggenommen, meine Mum hat nur mein Gewand mitnehmen können, und das war's. Meine Bücher, meine ganzen Stofftiere, mein Computer, die anderen Elektrogeräte, alles weg. Das war Hardcore. Aber die Delogierung war nicht der erste größere Einschnitt in meinem Leben.

Ich bin mein Lebtag lang schon in Linz. Aufgewachsen bin ich in der Neuen Heimat in der Nähe von Auwiesen. Bis ich zehn war, haben meine Mum, mein Vater, meine Schwester und ich in einer kleinen Zweizimmerwohnung gewohnt. Meine Schwester und ich haben uns ein Zimmer geteilt, und als wir etwas größer waren, sind wir uns sehr oft an die Gurgel gegangen, weil wir keinen Space gehabt haben.

Wie ich zehn war, haben sich meine Eltern getrennt, und meine Schwester und ich sind mit meiner Mum umgezogen, wieder in ein gemeinsames Zimmer. Und da hat es dann angefangen, dass wir mit dem Geld nur so bis Mitte des Monats ausgekommen sind.

Und da hat es dann angefangen, dass wir mit dem Geld nur so bis Mitte des Monats ausgekommen sind.

Ich hab dann das Einkaufen übernommen, weil ich hab schon von klein auf gelernt, die Preise zu vergleichen und mir auch zu merken. Ich kann gut mit Zahlen umgehen, und es hat mir auch Spaß gemacht, obwohl es eigentlich in dem Alter nicht Spaß machen sollte, darauf schauen zu müssen, dass die Familie immer etwas zu essen daheim hat.

Wir haben sehr oft Nudeln mit Bröseln und Zucker gegessen. Oder sehr viel Soßen mit Nudeln. Und sehr viel Reis.

 

In der Schule hat man mir die Armut angemerkt, weil ich nicht viel Gewand gehabt habe, und teilweise geflicktes Gewand, und natürlich keine Markenwaren. Und weil ich nie zu Geburtstagspartys gegangen bin, weil da hätte ich ja ein Geschenk mitbringen müssen.

 

Meine Mum hat in der Nacht gearbeitet, bei der Post, sie hat dort Briefe sortiert, das hat sie rund 20 Jahre lang gemacht, nur in der Nacht, geschlafen hat sie am Tag.

Meine Mum hat in der Nacht gearbeitet, bei der Post, sie hat dort Briefe sortiert, das hat sie rund 20 Jahre lang gemacht, nur in der Nacht, geschlafen hat sie am Tag. So haben wir Kinder gelernt, sehr leise zu sein. Diese Eigenschaft ist mir bis heute geblieben.

 

Nach der Delogierung damals bin ich vor dem Nichts gestanden. Meine Mum hat eine kleine Einzimmer-Wohnung bekommen. Ich hab bei meinem damaligen Freund gewohnt, illegal, weil meine Mum wollte, dass ich bei ihr gemeldet bleibe, damit sie die Familienbeihilfe bekommt, die eigentlich für mich bestimmt war.

 

Ich hab also keinerlei Unterstützung gehabt, keine Familienbeihilfe, keine Mindestsicherung. Nichts. Ich bin eigentlich allein gelassen worden, von meinen Eltern, von den Ämtern, auch von meinen damaligen Freunden, die mich mit Floskeln wie "Probleme hab ich selber" abgespeist haben.

Es wollt mir keiner helfen. Ich hab keine Perspektive gehabt. Und von meinem Freund abhängig zu sein, noch dazu, wo der zu dem Zeitpunkt nicht mehr wirklich interessiert war an unserer Beziehung, das hat mich total belastet, weil ich hatte mir immer geschworen, nie in so eine Situation zu geraten. Da war ich dann soweit, dass ich nimmer wollt.

Es hat damit begonnen, dass ich mich bei der Arbeit nix geschissen hab und mir immer öfter weh getan hab.

Es hat damit begonnen, dass ich mich bei der Arbeit nix geschissen hab und mir immer öfter weh getan hab. Schließlich hab ich mich richtig verletzt, auch in der Freizeit, mit allem, was ich gefunden hab. Und dann hat es mir komplett die Ketten ausgehängt. Im Kopf. Ein Nervenzusammenbruch. Ich wollt mich erhängen. Das war sehr schlimm. Ich bin im Krankenhaus gelandet.

 

Im Krankenhaus haben sie mir geholfen, dass ich zu Exit Sozial komme. Das ist ähnlich wie Pro mente. Dort hab ich dann ein Zimmer im Franco-Basaglia-Haus gekriegt. Zu meinem großen Glück, weil ich glaub, ich würd sonst nicht dasitzen.

Das Basaglia-Haus ist eine Art Groß-WG, da können bis zu 15 oder 17 Leute wohnen, jeder hat ein Zimmer, und dann gibt es in jedem Stock noch gemeinschaftlich genutzte Räume, Küche, Bad, WC.

Dort hab ich dreieinhalb Jahre lang gelebt. Heute kann man nicht mehr so lange dort bleiben, weil es zu viel Bedarf gibt.

Dort hab ich dreieinhalb Jahre lang gelebt. Heute kann man nicht mehr so lange dort bleiben, weil es zu viel Bedarf gibt.

Ich hab dann noch einmal dreieinhalb Jahre in einer von den betreuten Wohngemeinschaften gelebt, die der Verein in verschiedenen Häusern in Linz hat. Das ist unbefristet, manche ziehen irgendwann in eine eigene Wohnung weiter, für andere ist das ein fixer Wohnplatz, weil sie sich mit dem Alleinewohnen schwertun.

Dann wollt ich wieder allein sein und hab zum Glück eine billige Wohnung um 320 Euro gefunden. Für mittelschwere Notfälle gibt es zum Glück noch die Ambulanz von Exit Sozial. Die hat auch vier Krisenzimmer, wo man hin gehen kann, wenn es einem schlecht geht, aber nicht so schlecht, dass man ins Krankenhaus muss.

Ich hab über den Verein eine Psychotherapie durch Fachärzte bekommen. Auch der Betreuer vom AMS war zum Glück nett: Der hat mir ein Sytem ausgearbeitet, wie ich meine Lehre abschließen konnte, obwohl ich nur jeden zweiten Tag gearbeitet hab, weil jeden Tag hab ich es nicht mehr geschafft.

Ich würd gern arbeiten, mein Geld verdienen und mir etwas leisten können, einmal groß ausgehen. Aber das funktioniert nicht.

Ich würd gern arbeiten, mein Geld verdienen und mir etwas leisten können, einmal groß ausgehen. Aber das funktioniert nicht. Bei Druck blockiert nicht nur mein Kopf, sondern auch mein Körper. Der bricht mir einfach zusammen. Sie haben das auch vom AMS aus untersucht, drei Tage lang, mit dem Ergebnis, dass ich arbeitsunfähig bin.

Ich muss trotzdem jedes halbe Jahr einen Antrag auf Mindestsicherung stellen. Ich krieg die auch, aber nicht vom Magistrat, sondern vom Land. Es ist kompliziert. Ich bin da so ein komischer Fall, wo sie nicht wissen, was sie damit machen sollen. Aber ich bin nicht der einzige, der in keine von ihren Schubladen passt. Und das ist auch ein Grund, warum ich heute bei der Plattform "Sichtbar werden" dabei bin, um auf diese Lücken im System aufmerksam zu machen.

 

Die letzten fünf Jahre waren wieder sehr Hardcore für mich. Gesundheitlich, psychisch und sozial. Weil ich ein Transmann bin und mich vor fünf Jahren entschieden hab, dass ich es öffentlich mach. Ich hab auch kein Problem damit, wenn man mir Fragen stellt oder so, weil das ein Thema ist, das die meisten schwer verstehen. Und wenn mich jetzt jemand beleidgt, beleidige ich den nicht zurück, sondern versuch, sachlich darauf einzugehen.

Auch Ärzten und Schwestern im Krankenhaus hab ich schon erklären dürfen, wie das jetzt so ist und so abrennt, mit den psychologischen Gutachten, den Hormonen, den angleichenden OPs. Alle OPs mach ich übrigens nicht, das kann ich meinem Körper nicht zumuten.

Ich hab das schon so gespürt, wie ich klein war. Meine Mutter und meine Schwester erzählen, dass ich früher sehr oft gesagt hab: Warum schau ich nicht so aus wie mein Vater, wann wächst mir da was? Irgendwann hab ich gemerkt, dass die Leute böse werden, wenn ich gesagt hab, dass ich kein Mädchen bin, und hab das dann nicht mehr ausgesprochen.

Irgendwann hab ich gemerkt, dass die Leute böse werden, wenn ich gesagt hab, dass ich kein Mädchen bin, und hab das dann nicht mehr ausgesprochen.

Ich hab nicht gewusst, was das ist. Erst als ich mich dafür entschieden hab, keine Frau zu sein, sondern ein Mann, hab ich herausgefunden, dass es anderen auch so geht und dass das einen Namen hat. Ich hab zwar Schwule, Lesben und Bisexuelle als Freunde gehabt, aber ich hab nie was von Trans gehört. Wenn sich Leute beschweren, dass einem heute das Transsexuelle regelrecht aufgezwungen wird, dann wundere ich mich schon sehr: Ich hab bis zu meinem 27. Lebensjahr nicht einmal gewusst, dass es soetwas gibt.

Wenn sich Leute beschweren, dass einem heute das Transsexuelle regelrecht aufgezwungen wird, dann wundere ich mich schon sehr: Ich hab bis zu meinem 27. Lebensjahr nicht einmal gewusst, dass es soetwas gibt.

Ich bin viel im Internet unterwegs, und da kursieren die wildesten Gerüchte: Nicht nur, dass wir alle transsexuell machen und so die Menschheit ausrotten wollen, sondern auch dass wir alle pädophil seien, und natürlich auch Kannibalen. Es ist so absurd, dass es schon wieder lustig ist. Und trotz dieser schwachsinnigen Hetze und vereinzelter Probleme mit Beamten oder Ärzten, muss ich sagen, dass ich durch mein Coming-Out glücklicher bin als vorher.

Es fühlt sich gut und richtig an, Aki zu sein. Ich bin heute stabiler. Auch dank der Freunde in der Trans-Community. Und weil es Gottseidank immer noch Menschen gibt, die kein Problem damit haben und mir ganz normal begegnen, auf Augenhöhe.

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