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Ich arbeite seit Oktober hier in Innsbruck bei einem Elektrogroßhandel im Innendienst. Es ist ein kleiner Betrieb, so um die 25 Mitarbeiter, alle sind per Du, ein sehr menschenfreundlicher Betrieb. Nach zwei Wochen habe ich bereits das Tirol-Ticket bekommen. In der Probezeit! Pro Tag bekommen wir auch vier Euro Essensgutscheine. Das ist wirklich ein menschenfreundlicher Betrieb. Ich betone das so, weil es nicht selbstverständlich ist.


Ich habe in einem Ersatzteillager für Autos Einzelkauffrau gelernt. Damals gab es nicht so viele Möglichkeiten, die erste Lehrstelle, die Du kriegst, nimmst, habe ich mir gesagt. Ich war danach 34 Jahre lang in einem großen Betrieb, der Aluminium verarbeitet hat. Die Firma hat mich gut bezahlt und ich war viele Jahre zufrieden. Die letzten zwei Jahre waren aber sehr schwierig für mich. Ich war Mobbing hoch drei ausgesetzt. Das hat sich auf meine Psyche geschlagen und ich wurde schwer depressiv.

 

Ich hatte Probleme mit der mittleren Führungsebene, mit meinem unmittelbaren Vorgesetzten und Personalchef. Sie wollten mich einfach weghaben. Letztlich wurde ich freigestellt und wir haben uns auf eine einvernehmliche Kündigung geeinigt. Vorher sollte ich eine Änderungskündigung mit 20 Prozent weniger Gehalt akzeptieren und ich wurde an eine Arbeitsstelle versetzt, wo ich nichts zu tun hatte. Das hat mir den Rest gegeben, denn überfordert zu sein ist schlecht, aber unterfordert zu sein ist auch nicht gut. Das bin ich nicht, das wollte ich nicht. Sie haben das gemacht, um mich loszuwerden. Es wurden außerdem Lügen über mich erzählt. Der Grund für dieses Vorgehen ist einfach erklärt: Ich war seit 34 Jahren in der Firma, ich habe alles von der Pike auf gekannt, ich konnte jeden Fehler aufzeigen und das war das Problem für den neuen Vorgesetzten.

 

Es ist sehr beeinträchtigend, gesundheitlich und seelisch, wenn die Arbeit so belastend ist. 34 Jahre seines Lebens für eine Firma zu opfern und dann so gemobbt zu werden, das ist enttäuschend.  

 

Aber letztlich hat das alles nur Gutes bewirkt. Sie mussten mir eine Abfertigung überweisen und gleichzeitig habe ich die Lebensversicherung ausbezahlt bekommen. Dadurch konnte ich meine Eigentumswohnung abzahlen. Da steht nun nicht mehr Bank darauf, sondern Alexandra. In der ersten Zeit der Arbeitslosigkeit habe ich es mir einfach mal gut gehen lassen und es nur genossen. Wann hat man schon so viel Zeit für sich, wenn man so lange im Erwerbsleben war! Ich bin spazieren gegangen und habe die Natur genossen.

 

Schließlich habe ich begonnen mich zu bewerben. Ich habe etwa 25 Bewerbungen geschrieben. Zuerst habe ich einen Probetag in einer Firma im Oberland gehabt, aber da bin ich gleich wieder ausgestiegen. Das war dort noch menschenverachtender als in der anderen Firma. Ich habe dann die Firma in Innsbruck angerufen und gesagt, dass ich doch komme, nachdem ich dort schon abgesagt hatte. Das war die beste Entscheidung in meinem Leben. Ich werde meinem früheren Arbeitgeber nun noch ein Dankesmail schreiben, und zwar ein sehr sarkastisches, weil nun so viel Gutes entstanden ist.

 

Aufgrund meiner Depressionen war ich acht Wochen lang auf Reha. Ich habe viel geschrieben und irgendwann habe ich angefangen positiv zu denken. Manche Erinnerungen sind für mich einfach Perlen und ich habe über sie geschrieben. Ich habe aufgeschrieben, was mir wichtig ist, was gut ist, das hat mir sehr geholfen.

 

In meiner Küche hängt der Spruch: „Ich bin gut so wie ich bin, auch wenn ich nicht 100prozentig funktioniere.“

 

Durch die neue Firma geht es mir nun wieder gut, denn dort erfahre ich Wertschätzung. Die Menschenfreundlichkeit sollte in allen Betrieben gefördert werden. Das ist das Um und Auf.

 

Ich komme aus einer großen Familie, ich hatte neun Geschwister. Die Armut, die ich als Kind erlebt habe, war aber vor allem selbst gestrickt. Meine Mutter war der Typ Mensch, der einfach zu viel ausgegeben hat. Sie hat sich dadurch sehr verschuldet, es kam oft der Exekutor. Am Anfang des Monats gab es alles, Wurst, Speck, Weißbrot, am Ende des Monats immer weniger, nur Schwarzbrot, und das Billigste vom billigsten. Ich musste meine Lohntüte immer zuhause abgegeben und dann habe ich fragen müssen, ob ich mal eine Cola trinken gehen kann oder ins Kino. Ich habe ihr dann den Geldhahn zugedreht, denn ich habe mich schließlich jahrelang um sie gekümmert. Als ich wegen ihr eine Lohnexekution hatte, habe ich mich in Grund und Boden geschämt.

 

Ich habe eine Tochter, sie ist ein Lottosechser, und ich habe einen Freundeskreis, auf den ich mich voll verlassen kann. Ich bin in einem Krippenbau-Verein. Wir machen Figuren aus einem Drahtgestell mit Sisal. Die Figuren haben Bleifüße und einen Körper aus Stoff. Sie haben ein Gesicht, aber keine Augen. Wir bieten zweimal im Jahr Kurse für Kinder und Erwachsene an, wo sie selbst Weihnachtskrippen bauen können. Das taugt mir, das ist lässig.

LESEZEIT: 04-06 min

alexandra

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