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Im Laaerberg Park bin ich gerne. Die Trauerweiden gefallen mir besonders. Es gibt hier eine schöne, meinem Gewicht angepasste Schaukel, die mich an meine Kindheit erinnert.

 

Das war mein Fluchtpunkt, sich auf die Schaukel zu setzen, mit Kopfhörer, um den Streitereien und Schlägereien zu entgehen. Ich schaukle heute noch gerne, das ist wie Fliegen. Es gibt mir ein Gefühl der Leichtigkeit und der Freiheit.

Die Lichterkette ist eine Vereinigung von psychisch kranken Menschen. Ich bin Vorsitzende und habe sie gemeinsam mit meinem Mann, der auch psychisch krank war, gegründet. Er hatte eine schwere Angsterkrankung und ist vor drei Jahren verstorben. Er war der erste Mensch, mit dem ich gut reden konnte, der mir auch ohne Leistung Respekt gezollt hat, der mich wertgeschätzt und geliebt hat. Wir haben sogar geheiratet und waren zwölf Jahre zusammen. Er war mein Seelenpartner, Ersatzvater, Lebenspartner. Sein Tod ist deshalb ein schwerer Verlust für mich. Es ist nun auch das erste Mal, dass ich wirklich trauere. Vorher ist vieles an mir abgeprallt. 

 

Ich habe eine bipolare Erkrankung, da geht es von der Manie in die Depression und umgekehrt. In manischen Zeiten hatte ich immer einen sehr großen Tatendrang, den nutze ich nun konstruktiv. Der Verein ist wie ein Baby von mir und meinem Mann, da investiere ich all meine Energie. Das ist für mich auch eine Trauerbewältigung. Ich muss immer auf mich aufpassen, dass ich nicht übers Ziel hinausschieße und eine Erschöpfungsdepression bekomme.

Nähe und Liebe habe ich als Kind nicht gekannt, sondern Gewalt und Streit. Es waren sozial desolate Verhältnisse. Ich musste mich immer beweisen, um ein bisschen Anerkennung zu bekommen. Nach der Pflichtschule habe ich die Handelsakademie mit Matura absolviert und bin direkt ins AMS gekommen. Die Aufnahmekriterien waren damals noch sozialer Natur, man hat geschaut, ob die Berater*innen empathisch sind und ob sie auch eigene Erfahrungen mitbringen. Davon hatte ich reichlich und dadurch auch viel Verständnis für die Menschen, die zu uns gekommen sind. In der Arbeit ist es mir gut gegangen, ich habe viel Unterstützung erhalten und konnte Berater- und Trainerausbildungen machen.

 

Die politischen Entwicklungen haben aber immer mehr in die Richtung tendiert, dass nicht mehr der Mensch wichtig ist, sondern Zahlen. Das war nicht kompatibel mit meiner Haltung.

Zuhause habe ich meinen Vater, der schwerer Alkoholiker war und meine zwei jüngeren Geschwister betreut. Meine Mutter ist mit 40 an Krebs gestorben, da war ich 19. Sie hat mich kurz vor ihrem Tod zum ersten Mal umarmt und mich gebeten, dass ich auf die Kinder und den Vater schaue. Das war für mich eine Verpflichtung. Mein Bruder war behindert, er hatte eine Gehirnblutung bei der Geburt, das war auch nicht so einfach. Meine Schwester hatte Borderline, ich musste sie oft vor sich selbst retten. Im Alter von 30 Jahren ist ihr der Suizid gelungen.

Ich bin schließlich von zuhause geflüchtet und habe mir eine eigene Wohnung genommen. Ich habe nicht gewusst, wie ich den Lebensunterhalt finanzieren soll. Ich habe von Mehlsuppe und Nockerl gelebt. Für die Ablöse habe ich einen Kredit aufgenommen und da habe ich mich übernommen. Ich war erschöpft und wurde nach der Trennung von meinem Freund in Wien drei Monate obdachlos. Dann habe ich meinen Mann kennengelernt, er hat mir eine Wohnung besorgt. Das war für mich die Rettung.

Ich bin in der Steiermark in einer kleinen Ortschaft aufgewachsen. Es war für mich bald klar, dass ich nach Wien gehe, denn psychisch krank in einem kleinen Ort zu sein, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Im Nachhinein betrachtet, ist meine psychische Erkrankung in der Kindheit entstanden. Meine Mutter hat mich immer eingesperrt, wenn sie selbst von zuhause geflohen ist. Sie ist als Migrantin und hübsche junge Frau am Strich gelandet und war dadurch abgebrüht. Das hat sie an mich weitergegeben. Als Kind hatte ich kein Verständnis dafür, nun verstehe ich es.

Das AMS in der Steiermark hat mit dem psychosozialen Zentrum zusammengearbeitet. Dadurch hatte ich erste Kontakte zu dieser Thematik und konnte dort andocken. Ich hatte immer wieder depressive Phasen und bin psychiatrisch ambulant behandelt worden. Aber das war eigentlich immer nur Krisenintervention und es ist nie ums Eingemachte gegangen. Sonst hätte ich dort schon lernen können, auf mich zu schauen, dass das Leben nicht nur daraus besteht, dass man ständig darum kämpfen muss gemocht zu werden. Dass nicht Leistung den Wert eines Menschen bestimmt.

Es geht um Menschlichkeit, Solidarität, Wertschätzung, Vertrauen und Respekt. Diese Werte sind in unserer Gesellschaft nicht so einfach zu leben. Es würde jedenfalls viele psychische Erkrankungen nicht geben, wenn nicht so viel Leistungsdruck und Unmenschlichkeit vorherrschen würden.

Meine Tätigkeit bei der Lichterkette ist ehrenamtlich und schafft für mich eine Tagesstruktur. Ich habe nach acht Jahren Kampf eine Pension bekommen. Es ist nun möglich, dass ich mehr Rücksicht auf meine Erkrankung nehmen kann. Wenn ich eine Depression habe, dann kann ich mir die Zeit nehmen, die es braucht. Unser Hauptthema ist der Kampf gegen Stigma, durch Schulungen, Workshops für Firmen und Organisationen, Aufklärung für Betroffene. Wir sind in politischen Gremien vertreten und können unsere Perspektive einbringen. Es passiert was, auch wenn es nur langsam vorangeht. Der Verein ist für mich wie ein Weiterleben meines Mannes, er lebt im Verein. Ich mache in seinem Sinne weiter. Deshalb halte ich an der Lichterkette so fest.

Politische Arbeit ist aber auch zermürbend, oft geht es nur einen Schritt vorwärts und zwei Schritte zurück. Deshalb war es mir von Anfang an wichtig, dass wir auch Projekte machen, die uns bestärken, wie etwa „Tiere streicheln unsere Seele“. Wir arbeiten mit einer Tierärztin zusammen und ermöglichen Begegnungen mit Katzen. Die Betroffenen trauen sich die Betreuung nicht zu oder können sich die Kosten für ein Haustier nicht leisten.

 

Es ist sehr schön zu sehen, wie sehr Menschen durch den Kontakt zum Tier aufblühen.

Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen und habe zu Tieren ein besonderes Verhältnis. Ich habe viel lieber mit ihnen zu tun, sie sind nicht so verlogen und offener als Menschen. Meine zwei Katzen zeigen mir immer sehr klar, wie es ihnen geht und was sie wollen.

LESEZEIT: 05-07 min

brigitte

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