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Es hat jemand über "willhaben" Erde verschenkt, in Floridsdorf, und wir sind hingefahren und haben sie einfach ins Cabrio hineingeschaufelt. Ich hab mir das im Vorfeld ausgerechnet, wie viel Erde es braucht, um das Auto voll zu bekommen. Es bestand ja die Gefahr, dass wir es dann vielleicht gar nicht mehr bewegen können.

 

Worum geht es? Wir stecken in einer Klimakrise und es soll auch im öfffentlichen Raum zu sehen sein, dass wir ein Problem haben. Dass wir die Autos schnell aus der Stadt rauskriegen müssen. Dass wir unsere Emissionen radikal verringern müssen. Oder auf das Projekt "Cabriobeet" bezogen, etwas überspitzt formuliert:

 

Es ist doch absurd, mit dem Auto in den Supermarkt zu fahren, um in Plastik verschweißte Kräuter aus Spanien zu kaufen, wenn man anstelle des Autos ein Kräuterbeet aufstellen könnte.

 

Die ursprüngliche Idee war, in der Parkspur ein Hochbeet hinzustellen, ganz günstig gefertigt aus so Holzpaletten. Das hab ich eingereicht bei der MA 46, und die haben mir zurückgeschrieben, das würde dann jeder machen. Genauer gesagt: Wenn sie mir die Erlaubnis geben, dieses Kräuterbeet hinzustellen, dann würde das eine Flut an Nachahmerinnen motivieren, das auch zu machen und wir hätten dann zu viele Beete in der Stadt. Was eigentlich bedeutet, dass sie sagen: Es ist eine gute Idee, das wollen sicher viele Leute machen.

Aus meiner Sicht ist es auch eine Frage der Gerechtigkeit: Wenn du mit einem Auto für zehn Euro im Monat acht Quadratmeter im öffentlichen Raum privatisieren kannst, dann sollte man das für ein Hochbeet oder ein Kaffeetischerl oder ein Kunstwerk genauso machen können.

 

Und ich würde gerne zehn Euro im Monat zahlen, wenn ich dort ein Beet hinstellen darf. Ich würde gern ein Jahreshochbeetticket kaufen.

 

Und das ist genau das, was jetzt das "Cabriobeet" vorexerziert: Wenn du unter dem Hochbeet ein Cabrio hast, ist es kein Problem, da gehst du zur Zulassungesstelle und hast in zehn Minuten diese Erlaubnis. Es ist absurd, wie unser Leben von der Idee beseelt ist, dass jeder ein Auto vor der Tür stehen hat.

 

Ursprünglich war das Cabrio komplett gefüllt mit Erde und da hat die Ma48 gemeint, ein Auto muss fahrtüchtig sein. Die MA48, das ist die MA, die für den Müll zuständig ist. Die müssen herausfinden, ist es ein Auto oder ist es Müll. Und sie sagen, wenn ein Auto nicht fahrtüchtig ist, dann ist es Müll. Wir haben also den Fahrersitz wieder freigegraben, haben das Auto bewegt und eine Gasse weiter geparkt und wieder zugeschaufelt und dort das Hochbeet gehabt. Dann hat die MA 48 gesagt, es muss nicht nur fahrtüchtig sein, es muss auch fahrbereit sein. Und: Es muss auch optisch fahrbereit sein.

 

Das war halt so ein Katz-und-Maus-Spiel ein paar Wochen lang. Aber letztlich sollte das Projekt nicht als ein Streich gegen die Behörden wahrgenommen werden, sondern der Allgemeinheit ein Kräuterbeet zur Verfügung stellen, und deswegen hab ich schließlich den Fahrersitz komplett freigemacht und da steht jetzt nur ein Kräutertopf, den kann man sofort herausheben. Das ist auch insofern angenehm, weil wir können dadurch wegfahren und andere Initiativen besuchen oder auf Demos teilnehmen.

 

Ich hab immer schon den Wunsch gehabt, irgendwelche Experimente zu wagen, die mein ganzes Leben betreffen. Dass ich mir nicht nur irgendetwas Theoretisches ausdenke, sondern es auch wirklich durchführe. Und da ich ein Filmemacher bin, kann ich das auch gut als Grund vorschieben: Ich bin nicht verrückt, ich mache einen Film drüber. Und ich muss nichts beweisen, es ist eine offene Geschichte.

 

Zum Beispiel habe ich die Christoph-Schwarz-Loge gegründet, mich über lange Zeit mit Männern getroffen und angefreundet, die auch Christoph Schwarz heißen, und einen Film darüber gemacht. Oder ich hab im Jahr 2021 einen persönlichen Geldstreik ausgerufen und gelebt. Dieses Abenteuer wird unter dem Titel "Sparschwein" mein erster Langfilm.

 

Einen Film darüber zu drehen, war auch hilfreich, um die Widersprüchlichkeiten und das Zwiespältige des Projekts ungenierter zu thematisieren.

 

Weil ich hab mir dieses Leben ohne das Geld nur leisten können, weil ich ein Umfeld gehabt habe, das mich unterstützt hat. Und Menschen, die unfreiwillig in Armut leben, können so ein Experiment natürlich zynisch finden. Es macht ja einen großen Unterschied, ob man aus freiem Willen den Müll nach genießbaren Lebensmitteln durchsucht, oder weil man keine andere Möglichkeit mehr sieht.

 

Das Experiment Geldstreik ist also keine Blaupause für das Leben aller. Für mich war es ein Anlass, aktiv in gesellschaftliche Nischen reinzugehen, um zu schauen, was man wirklich braucht. Oder was kann ich reparieren und länger nutzen? Und kann ich in Wien meine Wege das ganze Jahr lang mit dem Fahrrad bestreiten? Welche Abmachungen sind ohne Geld möglich?

 

Meine Eltern haben meinen Mietanteil an der Wohnung bezahlt, dafür hab ich mich um ihr Haus und ihre Computer gekümmert und ein Video-Projekt zur Familiengeschichte gemacht. Ich hab einen Friseur gefunden, der mir die Haare schneidet, im Gegenzug passe ich auf seine Tochter auf. Ich hab für einen Vortrag fünf Liter Olivenöl bekommen. Und so weiter.

 

Ich bin zum alljährlichen Familienurlaub in Kärnten zu Fuß angereist, zwei Wochen lang, das war ein wunderbares Abenteuer. Es hat aber teilweise auch viel Überwindung gebraucht, andere um Essen oder einen Übernachtungsplatz zu bitten. Da muss man auch aushalten, dass wer sagt: Nein, das ist eine Scheißidee. Wenn du nicht dieses Zauberpulver Geld hast, dass du auf jedes Problem wirfst, musst du dich halt mit Menschen wirklich auseinandersetzen.

 

Essen zu organisieren, war überhaupt kein Problem. Ich bin sehr froh, dass ich die Leute von der Initiative "Robin Foods" kennen gelernt habe. Ich war da sehr schnell in einem Netzwerk drinnen, wo ich selbst Lebensmittel abhole und über Social-Media-Gruppen verteile. Und ich versuche das jetzt auch weiterzugeben und Leuten zu zeigen, dass es nicht eklig ist, in die Mülltonnen reinzugehen, sondern dass es eigentlich eklig ist, was da an Überproduktion geschieht und weggeworfen wird.

 

Ich bin Ökoaktivist und bei Extinction Rebellion dabei und so hab ich das Geldstreik-Jahr auch genutzt, um vermehrt an Aktionen teilzunehmen und Videos darüber zu gestalten. Auch das "Cabriobeet", das eine Neuaufteilung des öffentlichen Raums thematisiert, gehört für mich in diesen Bereich. Bei einem anderen Projekt namens "Kreiskartoffel St. Marx" habe ich mit einer Gruppe von Leuten auf 160 Quadratmetern von einer großen Kreisverkehr-Insel in St. Marx Erdäpfel angepflanzt und 88 Kilo geerntet.

 

Wenn wir Menschen auf diesem Planeten überleben wollen, ist es unumgänglich, dass wir uns von Wachstumsdogma und Hyperkonsum verabschieden und zu suffizienteren Lebenstilen kommen.

 

Eigentlich ist das mittlerweile eine weit verbreitete Erkenntnis und ich finde es absurd, dass viele immer noch so tun, als könnten wir dieses selbst geschaffene System des fossil befeuerten Marktkapitalismus nicht mehr ändern und müssten die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen eben als Kollateralschaden in Kauf nehmen.

LESEZEIT: 06-08 min

christoph

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