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Ich bin in einer sozial schwachen Familie aufgewachsen und bin in die Sucht gerutscht. Ich habe Cannabis und Kokain konsumiert. 2013 war ich zum ersten Mal in Therapie, danach hat sich die Sucht verlagert, in die Esssucht. Um Kindheitserfahrungen zu verdrängen habe ich gegessen oder einfach aus Langeweile. Ich hatte dann schon 140 Kilo. Jetzt bin ich wieder auf einem guten Weg. Die Drogensucht habe ich durch eigenen Willen überwunden.

 

Ich hatte zweimal eine Überdosis, an der zweiten wäre ich fast gestorben. Das hat mir die Augen geöffnet, ich habe erkannt, dass ich was ändern muss. Ich hatte dann noch Rückfälle, aber seit gut zwei Jahren habe ich nichts mehr genommen.

 

Ich bin 32 Jahre alt und aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen beziehe ich Frühpension. Als Kind bin ich mit dem Fahrrad unters Auto gekommen, dadurch haben sich drei Wirbel verschoben. Das hat man leider zu spät bemerkt, dadurch bin ich körperlich kaum belastbar. Ich kann nicht lange sitzen oder stehen, dann kamen psychische Probleme dazu. Nun bin ich für ein Jahr befristet arbeitsunfähig. Ich würde gerne eine soziale Ausbildung machen und habe mich für einen Kurs in Deutschland angemeldet.

 

Bei der Caritas arbeite ich als Sozialpate, das mache ich ehrenamtlich. Ich unterstütze ältere Leute und Flüchtlinge. Ich erledige Behördengänge, Einkäufe, ich gehe mit ihnen spazieren, ich führe Gespräche. Ich möchte weitergeben, was ich gelernt habe, etwas beitragen und Betroffenen helfen. Seit einem halben Jahr bin ich im Vorstand der Drogen-Selbsthilfe Vorarlberg.

 

Ich war in der Volksschule und habe vier Jahre Hauptschule gemacht. Dann kam ich für ein Jahr in die Sonderschule, also ich habe einen Sonderschulabschluss. Eine Kochlehre habe ich begonnen, dann ist die Sucht dazugekommen, es ist ein Auf und Ab gewesen. In meiner Familie gab es Gewalterfahrungen. Ich bin mit Sucht groß geworden, mein Stiefvater hat auch vor uns Kindern konsumiert, Alkohol, Cannabis und Heroin. Ich habe eine ältere Schwester, mit ihr habe ich heute einen sehr guten Kontakt. Sie ist 35 Jahre alt und hat leider Gebärmutterhalskrebs. Psychisch hat sie sich gut erholt, sie hat Missbrauchserfahrungen durch unseren leiblichen Vater. Ich habe mich als Kind immer gefragt, wieso nimmt er mich nie mit, sondern nur meine Schwester.

 

Ich habe wenig Geld zum Leben. Es ist sehr schwierig in Vorarlberg eine günstige Wohnung zu finden. Unter 800 Euro bekommt man fast nichts. Die Lebensmittel- und Energiepreise steigen auch. Es ist fast nicht machbar in Vorarlberg über die Runden zu kommen. Die Preise sind utopisch, das hat wohl mit der Nähe zur Schweiz und Liechtenstein zu tun. Ich bin zu einem Freund nach Lustenau gezogen. Ich hätte mir in der Wohnung in Feldkirch die Miete nicht mehr leisten können. Wir haben ein großes Haus, wir sind vier Kinder und vier Erwachsene, ich, mein Freund und seine Schwester mit ihrem Mann. Ich zahle 500 Euro pro Monat, für Miete und Essen, anders könnte ich es mir nicht leisten. Ich wollte eigentlich mit meinem Freund eine Wohnung suchen, eine, die wir in Aussicht hatten, wurde uns dann doch abgesagt. Da meinte seine Schwester, dass ich vorerst mal zu ihnen ins Haus ziehen kann. Schließlich hat sie gesagt, dass ich bleiben kann. Ich bin sehr froh darüber.

 

 

Ich lenke mich mit den Kindern viel ab, ich spiele mit ihnen, ich gehe mit ihnen spazieren, ich gehe mit ihnen zum Spielplatz. Das funktioniert gut. Mir wird nicht mehr langweilig. Die Beschäftigung mit den Kindern ist für mich wie eine Nachsozialisierung.

Ich hatte keine richtige Kindheit und musste schnell erwachsen werden.
Ich hole meine Kindheit jetzt nach.

 

Die Kinder sind sieben, neun, zehn Jahre alt, die älteste ist 14. Ich bin in einer Gemeinschaft, da gibt es immer jemanden zum Reden. Das macht viel aus. Ich habe früher alles in mich hineingefressen, nun rede ich darüber. Außerdem habe ich eine sehr gute Therapeutin, die mich immer gut unterstützt. Ich komme nun ganz gut klar.

 

Wer Zeit hat, kocht, ich koche auch für alle. Wir schauen, dass wir immer alle gemeinsam essen, das ist eine große Hilfe für mich. Ich habe früher viel vor dem Fernseher gegessen. Es macht einen großen Unterschied, ob man bewusst isst oder nur reinschlingt. Das ist eigentlich nur Konsum, aber nicht bewusst essen, bis man satt ist, sondern man haut nur in sich rein. Ich habe 16 Kilo abgenommen, seitdem ich in der Gemeinschaft bin. Für mich ist wichtig, dass ich nicht allein am Tisch sitze, ich muss nicht reden, aber ich esse anders, wenn ich in Gesellschaft bin. Ich habe viel Fastfood gegessen, ich achte nun darauf, dass ich biologisch und regional esse, aber leider sind Bioprodukte sehr teuer und dann ist das oft nicht möglich.

 

Ich habe es immer gehasst, wenn man mich berührt. Ich mag es bis jetzt nicht, wenn mich jemand angreift. Bei den Kindern kann ich nicht sagen ‚Berührt mich nicht‘. Es gibt mir sehr, sehr viel, dass sie einfach kommen und mich umarmen.

 

Ich habe gelernt, dass Berührung nicht nur was Schlechtes ist. Bis jetzt geht das nur mit den Kindern und mit meiner Schwester. Ich mag es nicht mal von meiner Mama umarmt zu werden.

LESEZEIT: 04-06 min

christian

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