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Meine Kindheit war sehr schrecklich. Meine Eltern haben mich behandelt wie eine Sklavin. Sie haben mich ausgenutzt. Sie haben mich täglich in der Landwirtschaft arbeiten lassen. Ich hab Säcke heben müssen, die viel zu schwer für mich waren. Sie haben mich jeden Tag mit nassen Fetzen geschlagen. Niemand hat was gesagt. Ich hab keine Hilfe gehabt. Ich hab einen Bruder, aber der ist genauso wie meine Eltern.

Mit 25 hab ich im Internet einen Mann kennengelernt. Das war 2011. Der hat mich rausgeholt aus dem Elternhaus. Er war mein Zufluchtsort, kann man sagen, aber kein guter. Er hat mich auch behandelt wie eine Sklavin. Aber es war schwer, von dort wegzukommen. 2019 hat dann meine beste Freundin gesagt, so geht das nicht weiter. Ich bin in eine betreute Wohngemeinschaft gekommen, da hab ich zwei Jahre lang gelebt, in Wien.

Ich reagiere empfindlich auf die Handymasten, die elektromagnetische Strahlung. Da war ich zwei Mal im Jahr auf der Baumgartner Höhe deswegen. Ich spüre die Frequenzen, die tun mir nicht gut, da bekomm ich Kopfweh und Schwindel, oder ich hör Stimmen. Da hab ich einmal die Stimme von meinem Ex-Freund gehört. Er hat gesagt, wenn er noch leben würde, würde er mich von der U-Bahn runterhauen. Seitdem fahr ich nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Mit dem Rücken hab ich von Kindheit an Probleme. Ich bin an der Wirbelsäule operiert. Ich hab Stäbe und Haken und Schrauben im Rücken, 70 Prozent Behinderung.

 

Und ich hab eine offene Trombose gehabt am Bein, die haben sie in der Wohngemeinschaft nicht richtig behandelt. Sie hätten mich dort pflegen sollen, aber das ist nicht passiert.

Dann hat meine Freundin gesagt, macht nichts, und hat mir geholfen nach Retz zu ziehen. Und ich fahr jeden Tag mit dem Auto zum Werkraum Tulln. Seit vorigem Jahr im Dezember bin ich dort in der Fertigungswerkstatt. Wir machen verschiedene Sachen. Die Hühneraugenpflaster für die Apotheke bereiten wir vor. Oder wir sortieren und verpacken Laborzubehör, so kleine Kunststoffröhrchen. Wir geben zehn Tubes in ein Sackerl, dann zehn Tips in ein Sackerl.

Ich bin durch den Psychosozialen Dienst in den Werkraum gekommen, weil ich psychische Probleme hab. Einen Nervenzusammenbruch hab ich auch gehabt. Die Leute dort sind alle sehr nett und hilfsbereit. Ich wär auch gern auf den Caritas-Bauernhof in Unternalb gekommen, weil das nicht so weit weg ist. Ich war zum Schnuppern hier, aber es ist dann nicht möglich gewesen, weil ich für die Tagesstätte hier zu wenig Probleme habe. Zu wenig psychische Probleme.

Ich komm aber gern zu Besuch auf den Caritas-Bauernhof, weil ich liebe die Tiere. Und die Tiere tun mir auch gut. Meine beste Freundin und ihre vierjährige Tochter kommen auch ab und zu mit. Es gibt hier Schafe, Hühner, Kühe, Schweine, ein Schwein namens Paula, die ist besonders dick und fett. Die Schweine sind alle dick und fett. Das ist ihr Beruf, kann man sagen.

Ich bin Lebensmittelretterin. Ich weiß, was für Arbeit dahintersteckt. Ich rette Lebensmittel, bevor sie sie wegwerfen. Zum Beispiel am Brunnenmarkt, wie ich in Wien war. Oder bei der Tankstelle auf der Praterstraße. Hier in Retz kann man am Abend Lebensmittel abholen, da kostet ein ganzer Einkaufskorb nur drei Euro, das find ich super. Beim Penny, beim Hofer, und beim Billa, und sogar beim Spar machen sie das. Bevor sie am Abend die Lebensmittel wegwerfen, hol ich sie mir.

Seit ich in Retz lebe und im Werkraum bin, hab ich keine Anfälle mehr gehabt.
Keine Panikattacken. Die Panikattacken kommen, wenn ich an die Kindheit denke.
An meine Eltern.

Da heroben, das ist eine ganz andere Welt. Da kann ich die Natur genießen. Verreisen brauch ich gar nicht. Nur zu meiner Freundin nach Oberösterreich, die ist auch am Land, da geht es mir sehr gut, und sie weiß, was sie machen kann, wenn es mir schlecht geht. Und da gibt es auch eine Freundesrunde, wir feiern Feste mit Karaoke. Osterparty. Geburtstagsfest.

Ich sing da zum Beispiel das Fliegerlied: Und ich flieg, flieg, flieg wie ein Flieger, bin so stark, stark, stark wie ein Tiger, bin so groß, groß, groß. Oder ich sing: Resi, i hol di mit meim Traktor ab. Weil voriges Jahr war ich in Obernalb, da bin ich mit dem Traktor mitgefahren, und selber bin ich dann auch gefahren. Ich hab ja den Traktorführerschein. Ich hab die Landwirtschaftliche Fachschule in Obersiebenbrunn gemacht. Aber in die Gegend zieht es mich gar nicht mehr. Wegen meinen Eltern.

Ich freu mich schon wieder auf das Traktorfahren im Sommer. Es ist schön, wenn man so hoch oben sitzt und die Luft im Gesicht spürt. Und statt Resi, i hol di mit meim Traktor ab, sing ich dann die Namen von den Freunden, die mitfahren.

Fürstenfeld hab ich auch umgetextet.
Da sing ich: I will wieder ham,
i will ham nach Retz!

LESEZEIT: 04-06 min

christina

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