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LESEZEIT: 06-08 min

christine

Ich bin ein bisserl umgebaut, nicht mehr serienmäßig. Die Niere sitzt jetzt vorne im Bauchraum und nicht mehr hinten, wo sie anatomisch normalerweise zu Hause ist. Und es ist nicht meine ursprüngliche, es ist eine Spender-Niere. Die hat man mir vor 20 Jahren transplantiert.

 

Ich war eigentlich ein fröhliches Kind. Bis neun. Da starb meine Mutter. Sie war erst 39. Nierenversagen. Das ist bei uns leider eine Familienkrankheit.

Wie die Mutter gestorben ist, waren wir drei Kinder zu Hause. Wir sind dann vom Bezirk Voitsberg zu den Patentanten in die Obersteiermark gekommen. Wir Kinder wurden also aufgeteilt. Man kann auch sagen: Wir wurden auseinander gerissen. Vor allem um meinen kleinen Bruder hab ich mir Sorgen gemacht. Es hat mich sehr belastet, dass ich ihn nicht beschützen konnte.

Vor allem um meinen kleinen Bruder hab ich mir Sorgen gemacht. Es hat mich sehr belastet, dass ich ihn nicht beschützen konnte.

 

Es war sehr schwierig, weil es uns natürlich nicht gut ging. Man ist in seinem neuen Umfeld nur eine Belastung, das ist einfach so, und das spürt man natürlich auch, man haut den ganzen eingespielten Ablauf dieser Gastfamilie durcheinander.

Mein Vater ist im ehemaligen Zuhause geblieben, aber wir waren nie bei ihm, weil er hat das alles nicht verkraftet, war maßlos überfordert mit der Situation. Und der Alkohol hat halt bei ihm immer eine Rolle gespielt, leider eine kontraproduktive.

Wie ich 14 war, sind mein Bruder und ich dann zurück, die ältere Schwester ist in Graz in ein Heim gekommen und hat eine Lehre gemacht. Ich hab also für den Vater und den Bruder die Verwantwortung übernommen und den ganzen Haushalt gemacht, das war auch nicht leicht. Oft hat meinem Vater etwas nicht gepasst, lauter Kleinigkeiten.

Und dann waren da noch die Behörden, die mit Argusaugen beobachtet haben, ob das in unserer Familie funktioniert. Unterstützung hat es keine gegeben, aber Kontrolle.

Unterstützung hat es keine gegeben,
aber Kontrolle.

 

Auch da war ständig die Angst da, etwas falsch zu machen. Die Angst, die Fürsorge könnte mir den Bruder wegnehmen.

Ich hab in dieser Zeit immer das Gefühl gehabt, ich bin nicht gut genug, und das hat sich dann als eine Art Grundgefühl durch mein weiteres Leben gezogen.

 

Meinen Mann hab ich sehr früh kennen gelernt, mit 14, wir sind noch beide zur Schule gegangen. Wir haben sieben Jahre gewartet, bis wir geheiratet haben. Wir haben einen wunderbaren Sohn gekriegt. Aber nach 35 Jahren Ehe ist mir sein Wein-Weib-und-Gesang-Leben zu viel geworden. Damals ist mein Bruder mit 53 verstorben, auch im Zusammenhang mit der Niere, und ich hab mir gedacht: Das Leben ist zu kurz, um sich das weiter anzutun.

Ich hab immer viel gearbeitet, hab Einzelhandel gelernt, dann später ins Büro gewechselt, nebenher noch geputzt. Auch mein Mann war fleißig, damit wir uns was schaffen können. Wir haben dann ein Haus gehabt, viel selber gemacht. Es war ein gewisser Luxus, ein hart erkämpfter Mittelstand.

Wir haben dann ein Haus gehabt, viel selber gemacht. Es war ein gewisser Luxus, ein hart erkämpfter Mittelstand.

Aber da war eben auch meine Erkrankung und die Erfahrung: Ich werde damit allein gelassen. Wir hatten einen großen Freundeskreis, immer Party zu Hause, aber wie ich dann nicht mehr funktioniert hab, wie ich nicht mehr können hab, waren die alle weg. Einschließlich mein Mann, der hat sich auch im Außen wohler gefühlt als zu Hause bei der kranken Frau.

Erkrankung hat geheißen: Dreieinhalb Jahre lang jeden zweiten Tag Blutwäsche, vier Stunden lang. Die Niere von meinem Exmann hätte zu hundert Prozent für eine Lebendtransplantation gepasst, weil das Immunsystem gleicht sich an, wenn man so viele Jahre zusammen lebt, das hab ich vorher auch nicht gewusst. Es hätte gepasst, aber ich hab gesagt: Nein, ich nehm sie nicht. Ich hab mir gedacht: Wenn mein Sohn einmal in diese Lage kommt, dann kann er sie bekommen. Und das war dann auch so, vor vier Jahren.

Ich habe die Niere von einer toten Person. Das mit der Transplantation ist europaweit geregelt. Da gibt es eine Liste in Holland, die sogenannte Tranplantations-Liste. Wie man auf dieser Liste gereiht ist, das hängt natürlich auch vom Gesundheitszustand ab: Wie dringend braucht man eine, wie stabil ist man, wie schafft man das Ganze.

 

Einen Tag vor unserem 35jährigen Hochzeitstag bin ich einfach aufgestanden und gegangen. Ich hab da sehr spontan gehandelt. Egal, wo es mich hinführt, aber es reicht. Ich will mich nicht mehr dieser Respektlosigkeit aussetzen.

Egal, wo es mich hinführt, aber es reicht. Ich will mich nicht mehr dieser Respektlosigkeit aussetzen.

Ich hab damit auch den Schritt in die Armut gewählt. Ich hab meinem Mann eigentlich alles belassen. Ich bin raus aus dem Haus, bin erst einmal im Arbeitszimmer eines Bekannten untergekommen, dort durfte ich bis zur Scheidung gratis wohnen. In diesem Zimmerchen hab ich eine Kochnische gehabt, ich bin also zum KiK gegangen und hab mir erst einmal Löffel und Gabeln gekauft. So hab ich stückweise von vorne angefangen. Mein Mann war bitterböse, weil er hat immer gesagt: Du kannst eh nirgends hin.

Also zwischen den Zeilen: Er kann quasi machen, was er will.

Nach meiner Transplantation 2006 hab ich vier Jahre lang eine Arbeitsunfähigkeitspension bekommen, aber jetzt hat es geheißen:

So, du kannst wieder krabbeln, du musst wieder arbeiten.

Ich hab am WIFI einen Buchhaltungslehrgang gemacht, und hab dann Gottseidank wieder einen Job gekriegt, in der Verwaltung von einem Pflegeheim. Es hat mir Spaß gemacht, aber nur bis zur Überforderung, weil so ein Halbtagsjob heißt heute oft:

Die volle Leistung, nur in kürzerer Zeit.

So ein Halbtagsjob heißt heute oft: Die volle Leistung, nur in kürzerer Zeit.

Ich hab dann einen neuen Job gefunden, ich hab im Außendienst beim BIPA und beim DM Kosmetik-Theken betreut, ein atypischer Job für so eine Subfirma. Also: kein Weihnachtsgeld, kein Urlaubsgeld, und sowas von minder bezahlt. Aber es hat mir Spaß gemacht, der Kontakt zu den Leuten, die handwerkliche Herausforderung beim Zusammenbauen der Theken, also hab ich es bis zur Pension gemacht.

Mein Mann hätte mir 550 Euro Unterhalt zahlen müssen, geeinigt haben wir uns dann auf 175 Euro, weil ich gesagt hab: Ich will ihn ja nicht vernichten. So hab ich auf Vieles verzichtet, was mir zugestanden wäre, habe lieber nachgegeben.

Grundsätzlich bin ich dafür, dass wir Frauen um unsere Rechte kämpfen. Aber man muss das auch abwägen. Weil: Es ist ja auch meine Lebenszeit, die ich mir bei einem jahrelangen Streit vermiese. Und ich kann mit wenig auskommen, auch mit den 1.200 Euro Mindestsicherung jetzt. Und das Wichtigste für mich ist: Ich hab endlich meinen Frieden.

 

Zuerst einmal hab ich die Ruhe genossen. Jedesmal, wenn ich in meine kleine Wohnung gegangen bin, hab ich gesagt: Ja! Ich kann meine Sachen machen, selbstbestimmt, ohne Druck, in meinem Tempo. Das genieße ich heute noch.

In der ersten Zeit hab ich mich zurückgezogen. So sehr, dass ich manchmal keine Stimme mehr hatte, weil ich so lang mit niemanden gesprochen hab.

Das hab ich mittlerweile geändert. Ich bin da über eine App bei der Gruppierung "Gemeinsam erleben", da kann man sich mit anderen zu Aktivitäten verabreden, Radfahren, Theater, Essen gehen, eine Busfahrt nach Triest.

Da entstehen auch Freundschaften, wo man sich außerhalb der App verabredet, also dann über WhatsApp. Ich liebe die neuen technischen Möglichkeiten. Auch weil ich sehr wissbegierig bin. ChatGPT finde ich wunderbar. Oder Podcasts.

Ich bin jetzt auch bei einem Podcast dabei, über den Verein Akzente Deutschlandsberg. Wir sind zwei Frauen mit verschiedenen Hintergründen, eine Bäuerin mit großem Hof, wohlhabend, und ich, untere Mittelschicht, und wir werden da zu unseren Erfahrungen und Sichtweisen befragt.

Meine Erfahrungen hab ich unlängst auch bei der Steirischen Armutskonferenz eingebracht, bei einem Treffen von Betroffenen mit Behördenmenschen. Die kennen ja oft nur diesen wohlhabenden Mittelstand, in dem sie selber drinnen sind, und haben wenig Ahnung, was es heißt, in ständiger Gefährdung zu leben.

Oder sie verstehen nicht, warum die Ambulanzen immer überfüllt sind. Meiner Meinung nach hat das sehr oft mit psychischen Beschwerden zu tun, mit einer großen Einsamkeit. Ich finde, man müsste die Leute irgendwo auffangen, nicht erst im Krankenhaus, sondern schon vorher, in lokalen Gemeinschaften.

Ich finde, man müsste die Leute irgendwo auffangen, nicht erst im Krankenhaus, sondern schon vorher, in lokalen Gemeinschaften.

Ein Motto in meinem neuen Leben lautet: Was soll mir schon passieren, ich liebe das Leben. Ich liebe es, mit netten Menschen zusammen zu sein. Ich liebe es, in der Natur zu sein. Ich interessiere mich für Heilkräuter, mache Tinkturen und Tees. Ich bin mit dem Hund von meinem Sohn in Bächen unterwegs, hab dafür sogar spezielle Amphibienschuhe.

Eine besondere Leidenschaft ist das Standup-Paddeln, auf dem Stausee bei der Hirzmannsperre, wenn der Sommertrubel vorbei ist, im Herbst: Klares Bergwasser, ringsum Wald, es herrscht absolute Stille, nur hie und da das leise Plätschern von einem Fisch, oder vom Ufer her ein Vogelzwitschern. Da fühl ich mich im Einklang mit der Natur, mit dem Leben. Da bin ich glücklich.

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