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Ich bin der berühmteste Bulgare in Graz. Weil ich hab hier überall schon gewohnt, und überall schon gearbeitet. Ich bin ja ein erfinderischer Mensch und hab immer einen Weg in meinem Leben gefunden. Und einen Schlafplatz. Vielleicht schreibe ich ein Buch über alles.

Ich hab im Schloss gewohnt und auf der Straße. Ich hab in einer Baracke gewohnt, und am Friedhof, und im Wohnmobil von einem Freund.

 

Das Wohnmobil war wie eine Einzimmerwohnung eingerichtet. Ohne Heizung natürlich. Aber dort hab ich mich frei gefühlt. Wenn ich mich frei fühle, bin ich glücklich. So wie als Kind in den Sommerferien im Dorf meiner Mutter.

Das ist lustig: Ich bin orthodox, aber hier in Graz habe ich den katholischen Gottesdienst besucht und bei den Evangelischen gewohnt. Ich hab da ein Jahr lang beim Hausmeister von der Evangelischen Kreuzkirche gewohnt, nicht angemeldet. Ich hab ein bisschen geholfen, da und dort, im Garten, und beim Reinigen der Kirchenglocken.

Als ich obdachlos war, hab ich sogar im Zug übernachtet. Weil wenn ich zur Arche 38 gegangen bin, das ist eine Notschlafstelle in Graz, in der Nähe vom Bahnhof, war es dort nicht immer angenehm. Der eine stinkt zu viel, der andere schnarcht zu laut. Oder wenn die Arche-Mitarbeiter um 20 Uhr sagen, es gibt keinen Platz mehr, dann muss man irgendwas unternehmen. Da bin ich manchmal zwei Kilometer die Gleise entlang gegangen bis zur Waggonreinigungsstelle. Dort werden die Waggons geputzt. Das war super, da hab ich in einem richtigen Schlafwagenabteil übernachtet, mit ganz frisch gewaschener Bettwäsche und so.

Ich bin zum ersten Mal 2003 nach Österreich gekommen und seit 2006 ununterbrochen da. Ich stehe nicht auf Geld und deswegen war es für mich nicht so schwierig, auch ohne ein fixes Einkommen zu überleben. Gearbeitet hab ich nichts Großes, das waren immer prekäre Jobs. LKW-Beifahrer, Bauarbeiter, Gärtner, solche Sachen. Ich war auch Guide bei den Shades Tours, die gibt es in Graz leider nicht mehr, wegen Corona.

Ich spende schon seit zehn Jahren Blutplasma. Zuerst in der Nähe von der Uni, dann beim Bahnhof. Aber dort haben sie mir das letzte Mal meine Venen beschädigt, dann war ich zehn Tage blau, grün und gelb bei der Einstichstelle. Jetzt spende ich bei einer anderen Firma, im City Park, die passen besser auf.

In den letzten Jahren war ich auch fünf, sechs Mal Statist beim Film, als Polizist, als Bodyguard und so weiter. Ich habe bei SOKO Donau mitgemacht, die haben auch in Graz gedreht, SOKO Mur hätte das heißen müssen. Ich hab einen Spurensicherer gespielt. Ich hab an diesem Tag sehr geschwitzt, weil ich am Vorabend eine Flasche Whiskey getrunken habe, da haben sie mich viel schminken müssen. Auch im Schauspielhaus und in der Oper war ich schon Statist.

Seit Juni 2016 habe ich die Bescheinigung für den Daueraufenthalt und damit auch Anspruch auf Sozialleistungen. Ich beziehe heute Mindestsicherung. Und seit dem 3. Dezember 2020 bin ich in einer Gemeindewohnung hier im Zentrum von Graz, 42 Quadratmeter Altbau, 330 Euro. Es gibt genug Steckdosen und alles. Ich hab sogar zwei Kühlschränke. Jetzt bin ich reich.

Glücklich macht mich auch, wenn ich anderen Menschen helfen kann. Ich helfe zurzeit einem Bekannten, der sich ein bisschen schwer tut, weil er zu schwer ist, 120, 130 Kilo. Er ist etwas hitzig, aber für mich ist das eine gute Abwechslung, Blumen setzen, Sachen entrümpeln, mit dem Hund spielen, Bier kaufen.

Ich freue mich heute noch, wenn mein Fussballverein gewinnt, Levski Sofia. Aber zurück nach Bulgarien will ich nicht. Die wirtschaftliche Situation dort ist schlecht und verschlechtert sich auch heute noch.

 

Als junger Mann habe ich in Mezdra in einer Bierfabrik gearbeitet, ich war soetwas wie Security. Damals haben dort 400 Leute gearbeitet, heute sind es nicht mehr als 80. Die EU und diese Privatisierungen waren ein großer Blödsinn für Bulgarien.

Meine Mutter war 35 Jahre als technische Angestellte bei unserem Rathaus in Mezdra beschäftigt und jetzt bekommt sie zirka 150 Euro Pension. Und das Paradoxe ist: Manche Lebensmittelpreise sind in Bulgarien höher als in Österreich. Es gibt in Graz alte Migranten aus Bulgarien, die noch immer ihr Gemüse einlegen, in Gläsern, ganze Regale voll. Die leben hier so weiter wie in ihrer Heimat.

Eigentlich bin ich ein Armutsflüchtling, es gibt diesen Begriff, aber als Armutsflüchtling ist man kein anerkannter Flüchtling, hat keine Ansprüche. Im Forumtheater sage ich: Ich bin nach Österreich gekommen, um Germanistik zu studieren und im Schloss zu wohnen. Dann lachen alle. Oder ich tue so, als würde ich lesen, und sage: Ich lese Thomas Bernhard, um die Österreicher zu verstehen. Da lachen sie auch. Im Forumtheater bin ich gleichzeitig Schauspieler und Ich-Selbst. Es ist ein interaktives Theater mit Diskussionen, zum Beispiel zum Thema Wohnen oder über die Mindestsicherung.

An der Grazer Uni war ich auch, hab Germanistik studiert, vier Jahre. Ich hab alle Übungen doppelt gemacht, damit sie in meinem Kopf bleiben. Und da bin ich über das Projekt "Wohnen für Hilfe" ins Schloss gekommen. Ich habe für die alte Frau Gräfin etwas gearbeitet und dafür keine Miete gezahlt. Dort sind zehn Hektar Grund und das Schloss ist auch nicht klein. Ich hab im Garten gearbeitet, Fenster geputzt, und so weiter. Mein eigenes Zimmer war nur zehn Quadratmeter groß. Dort hab ich Depressionen bekommen. Vielleicht hab ich zu viel Wein getrunken.

Ich hab ein Gedicht geschrieben über mein Leben im Schloss:

 

Im Schloss ist hell

Ich schlafe schnell

Ich stehe auf

Gibt's nichts zum Sauf

Gibt's nichts zum Sauf

ich gehe raus

ich gehe raus

verdammtes Haus

LESEZEIT: 04-06 min

daniel

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