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LESEZEIT: 07-10 min

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Seit der Räumung fühl ich mich wie eine einzige offene Wunde. Ich möcht einfach nur noch liegen und schlafen.

Es war nicht meine erste Räumung. Wie ich noch im achten Bezirk gewohnt habe, habe ich schon zwei Mal eine Räumung veranlassen müssen. Das erste Mal vor rund zwanzig Jahren, damit ich die Wohnung nicht verliere. Das war eine Teilräumung.

Das zweite Mal zehn Jahre später, eine Vollräumung. Da hätte ich sowieso räumen müssen, weil mir die Wohnung gekündigt worden ist. Sie war ja nicht nur vollgeräumt, sondern vermüllt. Erheblich nachteiliger Gebrauch des Mietobjekts und starke Gruchsentwicklung, so ähnlich wird das dann benannt.

Sie war ja nicht nur vollgeräumt, sondern vermüllt. Erheblich nachteiliger Gebrauch des Mietobjekts und starke Gruchsentwicklung, so ähnlich wird das dann benannt.

Bei der ersten Räumung war das so: Ich hab einen Defekt gehabt bei einer Therme, und das hat sich dann jemand privat angeschaut, und der war zufällig einer, der zum Messie geworden ist nach dem Tod seiner Frau, die er offensichtlich sehr geliebt hat.

Zuerst hat er ihre Sachen nicht weggeben können, dann gar nichts mehr. So quasi: Als ob man etwas wieder ungeschehen machen könnte, indem man den äußeren Status Quo bewahrt. Und dieser Mann hat mich gewarnt: So eine Wohnung ist schnell weg. Und er hat mir den FSW empfohlen, den Fonds Soziales Wien, weil die bezahlen sozial Bedürftigen so eine Räumung.

Der Anlass für die dritte Räumung, also die Räumung jetzt vor einer Woche, war der: Ein Mann hat wegen einer größeren Renovierung, die im nächsten Jahr kommt, alle Wohnungen vermessen und fotografiert, und so hat die Hausverwaltung mitbekommen, wie es bei mir ausschaut. Aber ich hab das große Glück, dass eine sehr verständnisvolle Frau bei der Genossenschaft als Juristin arbeitet und mir gut gesinnt ist. Weil sonst wär die Wohnung weg, noch am selben Tag.

Aber ich hab das große Glück, dass eine sehr verständnisvolle Frau bei der Genossenschaft als Juristin arbeitet und mir gut gesinnt ist. Weil sonst wär die Wohnung weg, noch am selben Tag.

 

Es gibt da keine einheitliche Kausalität, die zum Messie-Syndrom führt, zum zwanghaften Horten, wie das fachlich heißt. Es ist eine Überreaktion auf ganz unterschiedliche schwere Verletzungen. Es ist ein Schaden-Entschädigungsprinzip. Wer sich extrem verletzt sieht, neigt zu extremer Entschädigung.

Du versuchst das, was du von Menschen nicht kriegen kannst, über Dinge zu kriegen. Die Dinge können dich nicht verstoßen, nicht enttäuschen. Und du hast die Handhabe über sie. ​

Du versuchst das, was du von Menschen nicht kriegen kannst, über Dinge zu kriegen. Die Dinge können dich nicht verstoßen, nicht enttäuschen. Und du hast die Handhabe über sie. Du baust dir damit einen Schutzwall, auch wenn es Müll ist. Und wenn du deine Umgebung sehr feindlich erlebst, musst du dir ständig so einen Schutzwall bauen.

Ich hab mich als Kind schützen müssen, damit mir meine Schwester nicht alles wegnimmt. Und dann hab ich mich als Jugendliche vor den sexuellen Forderungen meines Vaters schützen müssen. Ich bin mit einem Messer unterm Kopfkissen schlafen gegangen.

In unserer Familie war folgende Konstellation: Meine Schwester war vier Jahre älter. Sie war der Grund dafür, dass mein Vater meine Mutter geheiratet hat. Er hat sie quasi zwangsgeheiratet, damit das Kind nicht unehelich ist. Wie ich auf die Welt gekommen bin, hat die Großmutter meine Schwester übernommen. Sie hat meine Schwester bewusst in Rivalität zu mir aufgezogen und sie angestiftet, mir alles wegzunehmen. Weil ich war ja das Wunschkind und bin mit Sachen überhäuft worden.

Mein Vater hatte einen Handelsakademie-Abschluss und dann trotzdem eher einfache Arbeiten gemacht, als Kellner, als Lieferfahrer. Ich glaub, er war der typische Nazi, also ein sehr schwacher Mensch, der sich in die Scheinidentität des Herrenmenschen reingeflüchtet hat.

Er war ein Frauenhasser. Meine Mutter hat er als sein Eigentum betrachtet. Und auch Kinder sollten in seinen Augen nicht nur nehmen, sondern auch etwas zurückgeben, quasi Tauschhandel: Also die Erlaubnis ins Gymnasium und dann sogar in die Maturaschule zu gehen und weiter finaziell erhalten zu werden gegen einen rechtsfreien Raum für ihn bis in die Sexualebene.

Und auch Kinder sollten in seinen Augen nicht nur nehmen, sondern auch etwas zurückgeben, quasi Tauschhandel: Also die Erlaubnis ins Gymnasium und dann sogar in die Maturaschule zu gehen und weiter finaziell erhalten zu werden gegen einen rechtsfreien Raum für ihn bis in die Sexualebene.

 

Ich hab mich vor den sexuellen Forderungen meines Vaters vor allem durch Verwahrlosung geschützt. Ich hab mich nicht gewaschen, keine schöne Kleidung getragen, kein Augen-Make-Up, sonst hat es geheißen, ich sei ein Luder und würde ihn bewusst aufreizen. So ist das in meiner Familie gelaufen.

Wenn ich heute ungewaschen und in zerfetzter Kleidung daherkomme, dann weil ich mir denke: Soll man ruhig auch von außen sehen, wie es in meinem Inneren aussieht. Es kann mir gern jeder ansehen, wie es mir geht. Weil: Warum soll ich Gewalt korrigieren?

Es kann mir gern jeder ansehen, wie es mir geht. Weil: Warum soll ich Gewalt korrigieren?

Einmal, als ich mich geweigert habe, ihm zu Diensten zu sein, hat mein Vater meinen Kopf so fest gegen die Wand geschlagen, dass ich eine Gehirnerschütterung gehabt habe und in der Folge Gedächtnisstörungen. Mir hat zu dem Zeitpunkt nur noch eine Vorprüfung zur Matura gefehlt, aber ich hab sie nicht mehr ablegen können. Ohne abgeschlossene Ausbildung bin ich dann bei Firmen gelandet, die mich entweder nicht oder nur teilangemeldet haben, und so hab ich heute trotz 30 Arbeitsjahren nur einen minimalen Pensionsanspruch. Ich bin heilfroh, dass es die Aufstockung gibt.

Ich hab in den letzten Jahren eine gute Freundin gehabt, nur drei Gehminuten von hier. Sie hat kaum noch gehen können, und ich hab die Einkäufe gemacht, dann haben wir gemeinsam gekocht und gegessen. Das war irgendwie meine gepflegte Zweitwohnung.

Diese Freundin hat das auch reguliert, dass ich nicht ungepflegt daherkomme, weil wenn das wer von ihrer Nachbarschaft gesehen hätte, wär das auf sie zurückgefallen.

Vor einem Jahr ist sie gestorben. Und jetzt sind durch die Räumung auch all die Sachen weg, die ich von ihr gehabt habe. Ihre Bücher. Es ist ein Elend.

Bücher sind meine Gegenwelt, mein Eskapismus, schon von Kindheit an. Ich brauche immer etwas zum Lesen um mich, sonst fühl ich mich verloren.

 

Bücher sind meine Gegenwelt, mein Eskapismus, schon von Kindheit an. Ich brauche immer etwas zum Lesen um mich, sonst fühl ich mich verloren. Ich hab mich sogar einmal gezwungen, den "Mann ohne Eigenschaften" zu lesen, weil es geheißen hat, der von mir einmal sehr und später mit Einschränkungen verehrte Doktor Kreisky hat als einziges Buch auf der Flucht vor den Nazis dieses Werk mitgenommen. Ich war aber enttäuscht, es ist etwas abstrus.

In dem Haus, in dem ich im Achten gewohnt habe, war ein Buchantiquariat. Der Betreiber hat alles, was am offiziellen Buchmarkt keinen Wert gehabt hat, weg gegeben. Das hab ich mir natürlich alles geholt, klar.

Die Möglichkeiten, Sachen günstig oder gratis zu haben, haben in den letzten Jahren stark zugenommen. Die Kost-Nix-Läden, die Sozialmärkte, die Altkleidercontainer, die offenen Bücherschränke, das ist für uns Messies natürlich ein Paradies.

Die Möglichkeiten, Sachen günstig oder gratis zu haben, haben in den letzten Jahren stark zugenommen. Die Kost-Nix-Läden, die Sozialmärkte, die Altkleidercontainer, die offenen Bücherschränke, das ist für uns Messies natürlich ein Paradies. Aber auch die Hölle, weil ein Stück kommt zum anderen, und eins verschwindet unterm anderen, bis du die Übersicht verlierst. So hast du als Messie alles, aber auch nichts.

Ich hab in einem offenen Bücherschrank einmal ein Buch gefunden, das war original aus dem Jahr 1739, also zehn Jahr vor der Geburt Goethes, also schon sehr speziell. Sowas ist unersetzbar, darum tut es mir heute noch leid. Deswegen ist es mir dann so schlecht gegangen mit der Totalräumung, ich hatte nicht die Zeit, die wichtigen Sachen zu retten.

Auch dieses Mal hab ich kaum etwas retten können, weil der Vorraum war total verstellt und so war die Wohnungstüre blockiert. Ich hab mich durchzwängen können, aber ich hab keine Taschen mit Büchern rausbringen können. Ein Bekannter hat mir dann geholfen. Ich hab ein paar Taschen mit einem Seil beim Fenster runtergelassen und er hat sie in den Keller gebracht, ein paar Lebensmittel, etwas Gewand, aber leider keine Bücher. Die werden jetzt alle verbrannt.

 

Warenvernichtung kommt für mich einer Selbstvernichtung gleich. Ich fühle mich verletzt und schutzlos. Andererseits bin ich natürlich froh, dass ich die Wohnung behalten kann.

 

Und dass ich jetzt keine Angst davor haben muss, dass die Nachbarn, wenn ich die Tür aufmache, einen Blick in meine Wohnung werfen können.

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