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Ich bin aktives Mitglied in einem Gemeinschaftsgarten. Jeder bekommt eine kleine Parzelle zum Gemüseanbau. Es beteiligen sich leider nur eher wenige Mitglieder an den Gemeinschaftsarbeiten. Vor ein paar Jahren erhielt ich eine Ehrenmitgliedschaft, weil ich mich stets fleißig einbringe. Deshalb wurde ich vom Mitgliedsbeitrag befreit. Diese Anerkennung meiner Leistungen war sehr schön für mich.

Diese wertschätzende Erfahrung ist genau das Gegenteil von dem was ich am Erwerbsarbeitsmarkt erlebe.

Insgesamt konnte ich drei postsekundäre Ausbildungen abschließen. Trotzdem finde keine bezahlte Erwerbsarbeit.

Parallel zum Pädagogikstudium absolvierte ich die Sozialakademie und das psychotherapeutisches Propädeutikum. Eine Psychotherapieausbildung machte ich nicht, weil sie sehr teuer ist. Seit Jahren habe ich keine Erwerbsarbeit. Ich will gar nicht daran denken, wie lange schon nicht, um mich selbst zu schützen. Nach der Fachschule für Metallbearbeitung besuchte ich die Abendschule der Handelsakademie. Damals bewarb ich mich bei einer Stelle in der Auftragsabwicklung einer Maschinenbaufirma, fuhr zum Vorstellungsgespräch und wurde sofort eingestellt. So einfach war das früher.

Heute gibt es häufig viele Bewerber. Wenn sich 60 Leute für eine einzige Stelle bewerben, hat man kaum eine Chance. Mangels Alternative arbeitete ich ein Jahr lang in der Jugendwohlfahrt. Einige KollegInnen waren sehr abgestumpft. Die Leitung war mit meiner gewissenhaften Arbeit sehr zufrieden. Als ich angefangen habe, verfügte ich über keine einschlägige Berufserfahrung. Nun scheitern die Bewerbungen zumeist daran, dass andere BewerberInnen noch mehr Berufserfahrung haben. Dieses ausschließende Denken ärgert mich sehr.

Nach dieser verantwortungsvollen Tätigkeit kümmerte ich mich um meine Eltern. Seither versuche ich beruflich wieder einzusteigen. Bisher gelang es mir nicht, eine langfristige Beschäftigung zu bekommen.

 

Der Druck vom AMS ist sowohl destruktiv als auch demotivierend.
Die MitarbeiterInnen gehen kaum auf meine individuelle Situation ein. Es geht vor allem darum, arbeitslose Menschen in Form von Vermittlung oder sinnlosen Kursen aus der Statistik heraus zu bringen.

 

Wie es dir als Mensch geht, scheint ihnen egal zu sein. Ich nehme gerne an Kursen teil, aber nicht an solchen, wo ich geistig abbaue. Mein Ziel ist es, eine Arbeit zu machen, die meiner Qualifikation entspricht. Die Ausbildungen absolvierte ich, weil ich sie danach auch anwenden wollte. In meinem bisherigen Leben studierte ich fleißig und ich will arbeiten. Mit einer Teilzeitstelle wäre ich ja auch zufrieden.

Mir fehlt die gesellschaftliche Anerkennung, die Menschen mit einer Erwerbsarbeit bekommen. Das bedingungslose Grundeinkommen würde wahrscheinlich eine Verbesserung bringen. Wenn mich Menschen zum ersten Mal treffen, dann verorten mich viele an der Universität. Das Perverse ist, je länger man keinen Job hat, desto schwerer bekommt man wieder eine Arbeit. Das finde ich sehr ungerecht. Wenn ich mehrere Bewerbungen laufen habe und ich bekomme nur Absagen, dann ist das extrem frustrierend. Ich verstehe all die Absagen nicht, denn es gibt keinen Grund mich auszuschließen. Die Bewerbungsgespräche dauern zumeist eine Stunde. Im Nachhinein empfinde ich sie als Zeitvergeudung, da sie zu nichts führen.

Leider treffe ich ab und zu Leute, die Vorurteile gegenüber Menschen haben, die länger erwerbsarbeitslos sind. Man wird oft gefragt, was man macht. Diese Frage zielt immer auf die Erwerbsarbeit ab. Häufig wird mir dann ein Defizit angedichtet. Ich frage andere gar nicht mehr, damit ich nicht auch gefragt werde. Der Ausschluss von der Erwerbsarbeit beeinträchtigt manchmal meine Stimmung. Oft bewerbe ich mich für Stellen im psychosozialen Feld, wo idealerweise soziale Menschen arbeiten sollten, aber speziell in diesem Bereich wurde ich enttäuscht. Ich liege für viele unwissenden Menschen in der neoliberalen Hängematte. Es ist nicht so, dass ich nicht arbeiten will, sondern dass ich keine Chance dazu erhalte. Das ist ein großer Unterschied. Die AMS-MitarbeiterInnen haben schon oft versucht, mich zu unterdrücken, niederzumachen, mir vorgeworfen, selbst schuld zu sein.

Während der Corona Pandemie gab es eine positive Entwicklung, weil ich keine persönlichen AMS-Termine mehr wahrnehmen musste. Diese sogenannte Beratung kann eine große psychische Belastung sein.

 

Ich würde mir deutlich mehr Einfühlungsvermögen von den MitarbeiterInnen des AMS erwarten.

Dieses fehlt leider oft vollständig.

Für eine kompetente Beratung ist
Empathie die Voraussetzung.

Mein Bruder ist beruflich sehr erfolgreich und sehr monetär orientiert. Er versteht meine Situation nicht. Mit der Notstandshilfe kann ich leben. Mir ist nie langweilig, weil ich über zahlreiche Hobbys verfüge. Als gesundheitsbewusster Mensch bewege ich mich gerne in der Natur. Es bereitet mir große Freude zu tanzen. In meinem Zeitreichtum treffe ich mich gerne mit Freunden und gehe auch ins Kino. Im Laufe des Jahres gehe ich auf zwanzig Berggipfel, zudem unternehme ich etliche Wanderungen. Ich schöpfe aus dem Vollen und habe ein gutes Leben. Es gibt aber Leute, die neidisch auf mein schönes Leben sind.

LESEZEIT: 05-07 min

franz

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