
hedy
Wie ich in den Wald abgehauen bin, hab ich ungefähr gewusst, was mich erwartet. Campen, irgendwo übernachten, das war schon immer meins. Ich bin ja mehr die Abenteuer-Kumpel-Frau, keine Nagellack-Stöckelschuh-Frau. Nur war es dieses Mal kein Abenteuer-Urlaub. Ich war psychisch fix und fertig. Auch körperlich. Ich hab mich am Anfang komplett zurückgezogen. Ich wollte niemanden sehen, wollte mit niemandem sprechen.
Wie es dazu gekommen ist? Meine Mutter hat einen Schlaganfall gehabt. Davor war ich selbstständig, hab zwei Kinder großgezogen, hab ein normales bürgerliches Leben gelebt. Ich bin ausgebildete Marketingfachfrau und hab ein eigenes, kleines Meinungsforschungsinstitut betrieben. Und ich war politisch bei den Grünen tätig, eines von den grünen Urgesteinen.
Der Schlaganfall von meiner Mutter hat bei mir eigentlich alles verändert. Ich hab meinen Gewerbeschein zurückgegeben, hab mich aus den politischen Funktionen zurückgezogen, hab meine Wohnung aufgegeben, und bin zu meiner bettlägrigen Mutter nach Niederösterreich gezogen. Mein Bruder und ich haben sie sieben Jahre lang gepflegt.
Als meine Mutter starb, war ich dann beruflich eigentlich draußen vom Spiel. Ich wollte in der Schul-Nachmittagsbetreuung arbeiten, aber das AMS hat mir den Pädagogikkurs nicht bezahlt, mit 56 war ich ihrer Meinung nach zu alt.
Mein Bruder hatte das Haus übernommen, aber er konnte mir meinen Erbteil nicht auszahlen. Also hatte ich theorethisch ein kleineres Vermögen, aber praktisch so gut wie nichts. Jedenfalls hatte ich keinen Anspruch auf Mindestsicherung.
Mir wurde lapidar gesagt: Ja, dann klagen Sie doch ihren Bruder. Aber klag einmal jemanden aus der eigenen Familie, einen Bruder, der Pensonist ist und eine Krebsdiagnose hat. Das macht man nicht. Ich sicher nicht.