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LESEZEIT: 07-09 min

jenny

Ich war seit meinem vierten Lebensjahr in einer Wohngemeinschaft der MA11, also vom Jugendamt. Meine Mama hatte entschieden, mich dort hinzugeben, weil sie, laut ihren Angaben, Analphabetin war und mir nicht helfen konnte bei vielen Sachen. Außerdem hat sie gemeint, sie muss arbeiten, damit sie ihre Familie in Serbien ernähren kann, ihre Eltern.

Ich bin also in dieser WG aufgewachsen, und mit vierzehn wieder raus, zurück zu meiner Mama, aber nicht lange.

Ich hab jemanden kennen gelernt, bin mit ihm in die Beziehung gegangen, hab sozusagen geheiratet. Wenn du einmal mit vierzehn einen Freund hast und bei ihm lebst, bist du in der Roma-Tradition quasi mit ihm verheiratet.

Er war vier Jahre älter als ich. Er war mir gegenüber sehr gewalttätig, aber ich war emotional abhängig von ihm. Ich habe als Kind keine Liebe erfahren, und ich hab gedacht, das, was er mir gibt, das ist Liebe.

Er war mir gegenüber sehr gewalttätig, aber ich war emotional abhängig von ihm. Ich habe als Kind keine Liebe erfahren,

und ich hab gedacht, das, was er mir gibt, das ist Liebe.

Ich bin dann sehr schnell schwanger geworden, hab mit sechszehn meinen ersten Sohn bekommen, der ist heute vierzehn. Und ich bin weiterhin mit diesem Mann in einer Beziehung geblieben.

Er hat mich geschlagen, er hat mich mit dem Messer geschnitten, er hat Zigaretten auf mir ausgedrückt, manchmal einfach so, ohne Anlass. Vier Mal hat er versucht, mich umzubringen, aber ich bin nie ins Krankenhaus gegangen, und ich hab ihn nie angezeigt. Heute ärgere ich mich darüber, dass ich das nicht gemacht hab.

Mit zwanzig habe ich dann mein zweites Kind mit ihm bekommen. Ich bin in der Zwischenzeit durch das Jugendamt schon in eine eigene Wohnung gekommen. Die habe ich dann blöderweise wieder verloren, das heißt: Ich wurde delogiert, wegen Mietrückständen.

Ich bin in der Zwischenzeit durch das Jugendamt schon in eine eigene Wohnung gekommen. Die habe ich dann blöderweise wieder verloren, das heißt: Ich wurde delogiert, wegen Mietrückständen.

In der Zwischenzeit habe ich auch meinen ersten Sohn verloren. Verloren, wortwörtlich. Mehr will ich dazu nicht sagen. Das ist noch so ein Triggerpunkt, auf den ich nicht eingehen kann.

 

Ich habe schließlich mit diesem Mann bei meiner Mama gelebt, aber die Gewalttaten gingen weiter. 2015 eskaliert die Situation so, dass er meine krebskranke Mama schlägt, und danach mich, und da war der Punkt erreicht, wo ich gesagt hab: Jetzt ist es fertig und aus, ich geh nicht mehr zurück zu ihm, ansonsten überleb ich es nicht.

Ich habe ihm gesagt: Der Tod wäre schöner als mit dir weiterzuleben.

Ich hab mich endlich von ihm getrennt. Er hat mir dann immer wieder gedroht, er würde mich umbringen. Mittlerweile weiß ich gar nicht mehr, wo er ist.

Nach der Trennung bin ich zu "Wobes" gegangen, das ist ein Verein für Wohnungslose. Da hat mich eine Sozialarbeiterin in Empfang genommen, und die hat mir geholfen, wieder eine eigene Wohnung zu bekommen. Von da an ist mein Leben auf eine gute Bahn geraten.

Von den 10.000 Euro, die ich Wiener Wohnen geschuldet hab, hab ich 9.000 Euro alleine zurückbezahlt, und die restlichen 1.000 Euro wurden von der MA40 übernommen. Ich war schwarz arbeiten. Ich hab Wohnungen geputzt. Ich hab aber auch eine Ausbildung gemacht, als Kindergarten-Assistentin, und im Kindergarten gearbeitet.

Ich war schwarz arbeiten. Ich hab Wohnungen geputzt. Ich hab aber auch

eine Ausbildung gemacht, als

Kindergarten-Assistentin, und im Kindergarten gearbeitet.

Bei meiner Sozialarbeiterin bei "Wobes" hab ich eines Tages einen Flyer vom Neunerhaus gesehen, für eine Ausbildung als Peer. Das werd ich machen, hab ich gesagt. Und sie hat gesagt: Ja, da seh ich Sie auch, ich helfe Ihnen bei der Bewerbung, Sie werden diese Ausbildung schaffen. Und das war auch so. Ich hab 2024 die neunmonatige Ausbildung abgeschlossen. und gleich angefangen bei Obdach Mobil zu arbeiten.

Mein Schwerpunkt in der Peer-Arbeit sind Alleinerziehende, Frauen mit Gewalterfahrungen, und die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt.

 

Roma-Menschen sind sehr vielfältig, weil es gibt sie überall. Es gibt zum Beispiel die serbischen Roma und obwohl ich auch zum einen Teil aus Serbien komme und zum anderen Teil aus Bosnien, sagen sie zu mir: Du bist eine albanische Romni, weil wir eine bestimmte Tracht anziehen.

Ich würde sagen: Ich bin eine islamische Romni, von meiner Mama her. Meine Großeltern sind irgendwann einmal vor irgendeinem Krieg nach Serbien geflohen, die genaue Geschichte kenn ich nicht.

 

Wie auch immer: Roma sind einfach vielfältig. Das heißt, ich hab eine ganz andere Aussprache als die serbischen Roma. Manchmal verstehen sie uns nicht.

Wie auch immer: Roma sind einfach vielfältig. Das heißt, ich hab eine ganz andere Aussprache als die serbischen Roma. Manchmal verstehen sie uns nicht. Die Taufpatin meiner Tochter, sie spricht komplett anders und kann mich nicht verstehen. Ich sie schon, sie mich nicht.

Im Wiener Romano Centro lernt man serbisches Roma, albanische Roma gibt es hier kaum.

Mit den rumänischen und den bulgarischen Roma versteh ich mich gar nicht, also sprachlich. Die sprechen komplett anders. Aber was interessant ist: Egal woher, jeder Rom und jede Romni hat eine ähnliche Mentalität.

Auf die Musik, die Lebensfreude, den Zusammenhalt, darauf kann man stolz sein. Worauf ich nicht stolz bin, sind die patriachalen Strukturen in einigen Roma-Gemeinschaften.

Auf die Musik, die Lebensfreude, den Zusammenhalt, darauf kann man stolz sein. Worauf ich nicht stolz bin, sind die patriachalen Strukturen in einigen Roma-Gemeinschaften. Da wird den Töchtern beigebracht: Du musst eine Hausfrau sein. Du sollst kochen und putzen und deine Schwiegereltern ehren. Und wenn dein Mann gewalttätig ist, dann ist das normal, welcher Mann ist das nicht. Und wenn er dich betrügt, dann ist das normal, welcher Mann macht das nicht. Dazu gibt es auch ein eigenes Sprichwort: Er hat dich zwar betrogen, aber in der Nacht kommt wieder zu dir ins Bett.

Was sie Frauen auch sagen: Trenn dich ja nicht, weil sonst wirst du als Hure angesehen. Und lesbisch sein oder schwul sein, das geht in vielen serbischen Communities gar nicht, da wirst du quasi abgeschoben. Ich finde das arg.

 

Ich bin heute in einer guten, liebevollen Beziehung mit einem Araber. Auch eine Volksgruppe, die in Wien noch auf Vorurteile stößt. Mal ist es mehr, mal ist es weniger. Es kommt auch immer darauf an, was in den Medien gerade so abgeht. Die Menschen sind sehr beeinflussbar von den Medien.

Es kommt auch immer darauf an, was in den Medien gerade so abgeht. Die Menschen sind sehr beeinflussbar von den Medien.

Ich habe mit meinem neuen Partner eine vierjährige Tochter. Mein Sohn ist zehn. Dass meine Kinder glücklich sind, ist mir das Wichtigste. Und ich kann sagen: Ich bin dankbar, dass ich am Leben bin, und dass es heute ein glückliches Leben ist.

In den Jahren, in denen ich in Angst gelebt habe, hätte ich schon Möglichkeiten gehabt, mir Hilfe zu holen, aber ich muss ehrlich sagen: Ich hab sie nicht genutzt. Meine Jugend-Sozialarbeiterin hätte mir sehr wohl geholfen. Aber ich habe mich geschämt. Ich habe ihr nie etwas von der Gewalt erzählt.

Meine Jugend-Sozialarbeiterin hätte

mir sehr wohl geholfen. Aber ich habe

mich geschämt. Ich habe ihr nie etwas

von der Gewalt erzählt.

Sie kennt mich heute schon seit 26 Jahren und wir sind noch immer in einem freundschaftlichen Kontakt, aber von meinen Gewalterfahrungen hat sie auch erst erfahren als ich heuer zum Frauentag, zum 8. März, ein Interview für die Krone gegeben hab. Da hat sie dann schon gefragt: Wieso hast du mir nichts gesagt?

Heute würde ich das ganz anders angehen. Im Nachhinein ist man oft klüger. Im Endeffekt, also heute, rückblickend, war es die größte Lehre meines Lebens. Ich hab viel gelernt, und würde nie wieder zulassen, das sowas passiert. Keiner Frau dieser Welt soll das passieren.

Ich hab als Peer auch schon einer Frau
in so einer Situation helfen können.
Diese Klientin ist mittlerweile getrennt
und glücklich.

Ich hab als Peer auch schon einer Frau in so einer Situation helfen können. Diese Klientin ist mittlerweile getrennt und glücklich. Sie ist mir bis heute dankbar. Aber ich hab sie nur unterstützt, den Mut dazu hat sie selber aufbringen müssen.

Zum Schluss nur noch ein Zitat, das mir persönlich wichtig ist, es steht auch in meiner Peer-Abschlussarbeit drinnen: Meine Vergangenheit ist nicht meine Fessel, sondern meine Stärke.

Meine Vergangenheit ist nicht meine Fessel, sondern meine Stärke.

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