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Folgende Situation ist bezeichnend: Ich weiß, wo ich sein muss. Ich weiß, wann ich dort sein muss. Aber ich kann mich nicht erinnern, für wen und was ich dort arbeiten muss.

Also packe ich von jeder Firma, für die ich gerade tageweise oder stundenweise arbeite, das T-Shirt ein, das T-Shirt mit dem Firmennamen. Ich hab drei verschiedene T-Shirts dabei und warte am Treffpunkt ab, was die anderen anziehen, und dann hol ich das richtige T-Shirt aus meinem Rucksack, und los geht's. Auf- und Abbau. Oder Promotion-Aktion. Kellnern. In einer Firma Unterwäsche zählen. Was auch immer.

 

Eigentlich bin ich studierter Chemiker, aber in diesem Beruf habe ich in Österreich keine Arbeit gefunden. In meinen ersten Jahren hier hab ich nur prekäre Jobs gehabt, manchmal sechs verschiedene Jobs auf einmal.

 

Wie ich dann 2021 die Anstellung als Peer bei der Volkshilfe bekommen hab, musste ich diesen Zettel mit meinen Versicherungszeiten abgeben, den Versicherungsdatenauszug. Es war nicht nur ein Zettel, es waren 20 Zettel, also 20 Seiten voll.

Ich hab kreuz und quer gearbeitet, und ich hab auch kreuz und quer gewohnt. Ich bin in Wien innerhalb von fünf Jahren 19 Mal umgezogen. Das ist nicht leicht. Ich meine, das ist auch eine psychische Belastung. Ohne Wohnung kannst du nicht klar denken. Und eines Tages war es mir dann auch zu viel.

 

Zurückgehen nach Spanien wollte ich nie. Nach der Bankenkrise war die Arbeitslosigkeit in Spanien sehr hoch, 50 Prozent bei den jungen Leuten, aber das war für mich gar nicht der Hauptgrund, um wegzugehen. Vielleicht ein Plus. Ich habe in einem Dorf gewohnt, und ich hab mir gesagt, wenn ich zum Studieren und Arbeiten nach Barcelona oder Madrid muss, kann ich auch gleich ins Ausland gehen. Sagen wir so: Menschen haben verschiedene Lebensperspektiven. Und meine Perspektive war immer: Ich möchte im Ausland leben.

 

2006 war ich das erste Mal in Österreich, bei einem Vorstellungsgespräch im Burgenland. Und da habe ich einen Tag in Wien verbracht und Wien hat mich wirklich beeindruckt. Es war der 15. März und es war der erste Tag, an dem das Schweizerhaus geöffnet hatte. Es waren viele Leute dort.

 

Es war sehr kalt, es hat geschneit, und ich habe ein Schnitzel und ein Krügel zum Abendessen gehabt. Wien hat mir gefallen. Das war Liebe auf den ersten Bick.

 

Und 2013 bin ich einfach hergekommen. Ich hatte kein Jobangebot, es war alles improvisiert.

 

Improvisiert zu leben ist nicht leicht, aber es ist auch spannend. Wenn du hinter den Kulissen arbeitest, bekommst du oft mehr mit, als wenn du davor sitzt. Ich muss sagen, ich hab auch viel Lustiges erlebt. Die wenigsten haben in ihrem Leben die Gelegenheit, der Polizei etwas zu verbieten. Ich war da Security am Rathausplatz, beim Life Ball, und ich hab ihnen gesagt: Das ist mir scheißegal, ob Sie die Polizei sind oder der Bundeskanzler, hier kommt niemand rein, der keinen Helm aufhat. Das werd ich nie vergessen.

 

Einmal hab ich mir für einen James-Bond-Film in den Tiroler Berge den Arsch abgefroren. 20 Grad minus! 24 Stunden Arbeit, 12 Stunden Pause, und wieder 24 Stunden Arbeit und so weiter. Das war hart. Ich bin in meinem Leben selten so fertig gewesen.

Kurz darauf hab ich in Wien Tom Cruise kennen gelernt, persönlich, als Security vor seinem Zimmer im Hotel Bristol. Ich hab ihm einen Witz erzählt, auf Spanisch, er kann ja Spanisch. Er hat dann angeboten, mir ein Essen zu bestellen, aber ich hab gesagt: Nein, passt schon. Ein wirklich netter Typ.

 

Die Probleme haben nicht an einem bestimmten Tag angefangen, die waren immer dabei. Ich muss sagen, weil ich mir so wenig leisten konnte, bin ich oft an den falschen Orten gelandet. Ich hatte auch Pech. Und ich habe ein starkes Temperament. Sagen wir so: Ich bin eine Person, die kann nicht so leicht mit anderen Menschen wohnen.

 

Einmal war ich so gestresst, ein Zimmer zu finden, da habe ich in einer Woche sieben Kilo abgenommen. Ich hab dann mit zwei Studenten eine Wohnung im 17. Bezirk gefunden, aber wir haben uns nicht verstanden. Ich war schon über 40, die waren Anfang 20. Und ich musste damals um vier Uhr früh aufstehen, ich hab als Security die Baustelle für das neue Austria-Stadion bewacht. Jedenfalls sind die Studenten wieder ausgezogen, und ich hatte nicht gewusst, dass ich dann für die ganze Miete hafte. Nach einem halben Jahr heißt es plötzlich, ich habe Schulden von 6.000 Euro.

 

Das war natürlich ein Schock.

Wenn die Belastung steigt und steigt, auf einmal brichst du zusammen. Es ist so. Ich bin sehr abgestürzt. Ich hatte eine psychische Belastungsstörung. Ich war monatelang im Krankenstand. Ich hab im Notquartieren von der Volkshilfe Wien übernachtet, und in einer Übergangswohnung. Ich hab viel Sport gemacht und versucht, mich zu erholen.

 

2019 habe ich eine Gemeindewohnung bekommen, im Fünfzehnten. Klein, aber fein. Das hat mir viel Druck weggenommen. Aus den Schulden bin ich zum Glüch sehr schnell rauszukommen, weil es hat sich gezeigt, dass der Vermieter die Wohnung falsch eingestuft und eine zu hohe Miete verlangt hatte. Er wollte keinen Prozess, so haben wir uns geeinigt.

 

Ich hab jetzt eine günstige Wohnung in dem Bezirk, in dem ich wohnen will. Ich habe den Job als Peer, den ich gerne mache. Ich kann wieder klar denken und strukturiert vorgehen, so wie ich das als Naturwissenschaftler gewohnt bin. Das hilft auch meinen Klientinnen. Weil ich im Kopf oft schon einen Schritt voraus bin.

 

Ich weiß schon, was sie auf diesem oder jenem Amt sagen werden, also kann ich mit meinen Klientinnen die Antworten für die Fragen besprechen, bevor diese gestellt werden.

 

Mein Motto lautet: Das Leben ist hart, aber ich bin härter. Ich habe gelernt, mich durchzusetzen, und jetzt setze ich für mich meine Klientinnen durch. Da gibt es ja oft Streit mit Ämtern und Magistraten oder mit dem AMS. Ich habe zum Beispiel eine Klientin, die hat gesundheitliche Probleme mit ihren Knien, das steht so auch in ihren Unterlagen, trotzdem schickt sie das AMS zu der Gebäudereinigungsakademie in Liesing, einfach weil sie eine Ausländerin ist und Putzen eben ein Standard-Scheißjob für Ausländer*innen ist. So primitiv läuft das manchmal.

 

Oder es gibt Probleme mit Bürokraten, die übertriebene Forderungen stellen. Die kann man gut mit ihren eigenen Methoden schlagen: Verlangen sie sieben Papiere, schicke siebzehn. Überfüttere die Leute mit Papieren und sie geben nach, weil sie wollen eigentlich auch nicht arbeiten. Am liebsten wollen sie ja jeden nach demselben Schema abhandeln. In der Wirklichkeit gibt es aber viele Ausnahmen. Ja, im Grunde ist jeder Mensch eine Ausnahme und sollte in Ruhe angehört werden.

josé

LESEZEIT: 08-10 min

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