jutta
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Natürlich ist das ärgerlich, wenn die Politik nicht nur nicht das Richtige macht, sondern das genau Falsche.
So wie jetzt, wo wieder die Pendlerpauschale für Autofahrer erhöht wird, und auf der anderen Seite Bahnausbauten gestoppt werden, oder die fix und fertig geplante Straßenbahn nach Schwechat vom Land Niederösterreich abgesagt wird, oder das Klimaticket teurer wird. Und wenn die Stadt Wien nach wie vor am Bau der Lobau-Autobahn festhält, ist das nur noch irrational.
Wir haben dieses Projekt nun seit über
20 Jahren verhindert und es sind noch unzählige Gerichtsverhandlungen ausständig.
Wir haben dieses Projekt nun seit über 20 Jahren verhindert und es sind noch unzählige Gerichtsverhandlungen ausständig. Wie viele, das hängt auch davon ab, ob die ASFINAG noch etwas vorbringt, gegen das wir wieder mit einem Gutachten vorgehen, und umgekehrt.
Es ist alles wahnsinnig mühsam und kostspielig. Für jeden Verhandlungstag muss ich mir dann wieder einen Urlaubstag nehmen. So gesehen verbringe ich meinen Urlaub öfter in einem heißen, stickigen Verhandlungsraum des Bundesverwaltungsgerichts anstatt hier in der Lobau schwimmen zu gehen.
So gesehen verbringe ich meinen Urlaub öfter in einem heißen, stickigen Verhandlungsraum des Bundesverwaltungsgerichts anstatt hier in der Lobau schwimmen zu gehen.
Wir haben in Österreich, vor allem dank dem Wolfgang Rehm von der Umweltorganisation "Virus", in den letzten Jahrzehnten vor Gericht mehr erreicht als mit Protesten auf der Straße oder mit Besetzungen, das ist so. Aber wie Hainburg gezeigt hat, kann man in Österreich auch mit zivilem Ungehorsam etwas erreichen.
Ich war damals 12 Jahre alt und meine Mutter war gegen das dort geplante Donau-Kraftwerk engagiert und hat mich öfter mitgenommen. Ich hab dann alle meine Ersparnisse zusammengekratzt, um mir einen warmen Schlafsack zu kaufen. Wir haben zufällig jene Nacht dort verbracht, in welcher der sogenannte Weihnachtsfriede verkündet wurde, in so einem Tipi mit Lagerfeuer in der Mitte. Das war eine irrsinnig tolle Stimmung. Das hat mich für mein Leben geprägt.
Ich stamme zwar aus Kagran, aber es ist die Lobau ein so traumhaft schönes Gebiet, dass wir sehr oft hier waren, schwimmen, spazieren, spielen, das war wirklich super.
Ich habe die Tiere gemocht, ich habe die Pflanzen gemocht, und so bin ich irgendwann draufgekommen, dass die Tiere und Pflanzen ohne ihre Lebensräume nicht mehr existieren können, und es daher wichtig ist, ihre Lebensräume zu erhalten. Und mit Hainburg war dann auch die Erkenntnis da: Um so einen Lebensraum zu erhalten, müssen die Politiker das Richtige tun. Und auf einmal war das, was diese dicken Männer machen, die so komische Sachen sagen, doch von Bedeutung.
Und auf einmal war das, was diese dicken Männer machen, die so komische Sachen sagen, doch von Bedeutung.
Ich habe Politikwissenschaften und Publizistik studiert, und während des Studiums angefangen, Reiten zu unterrichten, unter anderem für Menschen mit Behinderung. Ich reite heute noch wahnsinnig gern, habe auch ein eigenes Pferd. Das wurde vom Verein "Aktion Gremlin" vermittelt, der Pferde vor der Schlachtung bewahrt.
Ich bin ja in einer politischen Familie groß geworden. Mein Großvater, seine Mutter und seine Schwester sind unter den Nazis als politische Gefangene im KZ gelandet, sie hatten einen Spion der Alliierten versteckt. Es war ein Wunder, dass sie alle überlebt haben.
Jedenfalls war politisches Engagement für mich einfach normal. So wie andere Familien mit ihren Kinder auf den Fußballplatz gegangen sind, sind wir auf Demos gegangen. Ich hab mich in der
Friedensbewegung eingesetzt, und bei den Themen Menschenrechte und Umweltschutz. Ich bin Greenpeace-Aktivistin und Global-2000-Aktivistin geworden, und hab angefangen bei Greenpeace zu arbeiten.
Die Bürgerinitiative "Rettet die Lobau - Natur statt Beton", im Netz unter lobau.org zu finden, habe ich im Jahr 2003 mitgegründet. Am Anfang wurde sie vor allem von betroffenen Anrainerinnen getragen, später sind dann die jungen Leute aus der Klimaszene dazugestoßen.
Fridays For Future haben uns sehr geholfen. Und wir auch ihnen, weil sie haben ja gesehen: Die Regierung ruft zwar den Klimanotstand aus, aber die Auswirkungen sind gleich null. Also war es ihnen wichtig, den Klimaschutz auf konkrete Projekte runterzubrechen. Und da war nach dem Dritte-Piste-Projekt des Flughafens, gegen das sich vor allem die Gruppe Stay Grounded stark gemacht hat, der geplante Lobau-Tunnel das umweltschädlichste Projekt in Österreich.
Immerhin geht es hier um einen Nationalpark, ein Wasserschutzgebiet, ein Landschaftsschutzgebiet, ein Naturschutzgebiet und ein Natura-2000-Gebiet. Nur den Schutzstatus des Biosphärenparks hat die Lobau nicht mehr, den hat die Stadt Wien 2017 aberkennen lassen, weil sie anscheinend nicht will, dass hier die UNESCO mitreden kann.
Es spricht alles gegen dieses Projekt, aber der Verkehrsminister, die Wiener Stadtregierung und das Land Niederösterreich wollen es unbedingt, also ist es eine meiner Hauptaufgaben bei all den Führungen, Vorträgen und Presseaussendungen, ihre mitunter haarsträubenden Argumente zu widerlegen.
Zum Beispiel das Argument, jede Stadt habe eine Umfahrung, nur Wien nicht. Erstens hat nicht jede Stadt eine Umfahrung. Und zweitens bewirkt jeder Straßenring um eine Stadt, dass ein Speckgürtel entsteht, im Fall von Wien hieße das, dass zum Beispiel das Marchfeld, wo unser regionales Gemüse angebaut wird, zugebaut wird.
Oder: Man brauche die Lobau-Autobahn und die Spange, also die Verbindung von Stadtstraße und Autobahn, um den Wohnbau in der Seestadt und im Oberen Hausfeld fortsetzen zu können. Ein Unsinn, weil diesen angeblichen Sachzwang hat sich die Stadt Wien selber als Auflage in die Umweltverträglichkeitsprüfung hineingeschrieben und sie können ihn jederzeit wieder ändern.
Oder das Argument der Verkehrsentlastung. Obwohl alle
aktuellen Studien sagen: Der Verkehr
werde durch die Autobahn zunehmen.
Oder das Argument der Verkehrsentlastung. Obwohl alle aktuellen Studien sagen: Der Verkehr werde durch die Autobahn zunehmen. Auch auf er A23 und auf der Esslinger Hauptstraße, die dann zu einem Autobahnzubringer wird. Selbst die ASFINAG rechnet mit täglich 61.500 Fahrzeugen und durchschnittlich einer Stunde Stau im geplanten Tunnel.
Es ist wichtig, darauf zu achten, einen nachhaltigen Aktivismus zu betreiben, und sich nicht so zu verausgaben, dass man in ein Burnout schlittert. Also lieber einmal die Natur genießen, für die man kämpft. Dazu ein Satz von Rosa Luxemburg, der mir gut gefällt: "Niemand ist verpflichtet, mehr zu tun als er kann." Umgekehrt heißt das natürlich: Wenn ich alles tue, was mir möglich ist, dann kann ich mich ausruhen. Und auch wenn es nicht zu einem Erfolg reicht, war es wichtig, dass ich das mir Mögliche getan hab.
Die jungen Klimaschützerinnen werden einen langen Atem brauchen, weil die Situation wird nicht leichter werden. Es ist heute schon schwierig. Früher hast du dich vor einen Bagger gesetzt, die Polizei hat dich gehaut oder kurzfristig eingesperrt, mehr ist dir nicht passiert. Heute musst du als Aktivistin, die eine Blockade macht oder Vorarbeiten blockiert, damit rechnen, dass du zivilirechtlich geklagt wirst, und dann finanziell ruiniert bist.
Heute musst du als Aktivistin,
die eine Blockade macht oder Vorarbeiten blockiert, damit rechnen, dass du zivilirechtlich geklagt wirst, und dann finanziell ruiniert bist.
Essen macht mich glücklich, mit dem Pferd ausreiten macht mich glücklich, überall mit dem Fahrrad hinzufahren auch. Aber ich muss sagen, es ist nach wie vor der politische Aktivismus, der mich am glücklichsten macht. Und so gesehen bin ich auch aus egoistischen Gründen Aktivistin. Und sollten sie so dumm sein, die Lobau-Autobahn gegen alle Vernunft wirklich noch zu bauen, so kann ich sagen: Immerhin haben wir sie die letzten 20 Jahre verhindern können. 20 Jahre, das heißt: Die Kinder aus der Umgebung haben ihre ganze Kindheit und Jugend ohne die Autobahn erleben können. Und zig Generationen von Fröschen, Vögeln und Pflanzen hier haben ihre Ruhe gehabt. Und auch der Nationalpark ist trotz Wassermangel und anderer Probleme in den letzten 20 Jahre sehr viel schön geworden. Für all das lohnt es sich, weiter zu kämpfen.


















