kira
LESEZEIT: 05-07 min
Ich arbeite Teilzeit in einem Supermarkt und engagiere mich in meiner Freizeit beim Aufbau einer neuen kommunistischen Jugendorganisation, der KRJ. Und als ehemaliger Langzeitarbeitsloser bin ich auch beim Armutsnetzwerk Kärnten aktiv.
Ich bin Asperger-Autist, aber das merken die meisten nicht. Auch einige andere Autist*Innen merken das nicht. Für einige wirke ich einfach seltsam.
Ich bin vom neuronalem Netzwerk her anders verdrahtet als die meisten. Mein Gehirn funktioniert anders, aber deswegen nicht irgendwie schlecht.
Ich bin vom neuronalem Netzwerk her anders verdrahtet als die meisten. Mein Gehirn funktioniert anders, aber deswegen nicht irgendwie schlecht. Autismus ist keine Krankheit, sondern eine andere Art des Seins. Aber wie auch immer: Andersartigkeit führt schnell dazu, dass man gemobbt wird, vor allem in der Schule.
Anknüpfungspunkte, mich zu mobben, gab es viele. Ich hab z. B. Mangas in die Schule mitgenommen, und in der Pause lieber gelesen. Ich hab mich oft anders verhalten als die Mehrheit. Z. B. beim Thema Drogen nehmen oder Alkohol trinken, das hat mich einfach nicht so interessiert.
An einer Schule, an der ich war, war es so, dass dann sogar Snus im Turnsaal am Fenster hingen, also diese kleinen Tabak- oder Nikotinbeutelchen, die man sich unter die Lippe legt. Aber wenn man eine Lehrkraft darauf hingewiesen hat, dann hat es geheißen: Nein, da ist kein Snus, da hängt nichts. Sie hat nicht einmal nachgesehen.
Das Vorurteil, dass Autisten geborene Mathematik-Genies sind, habe ich übrigens nicht erfüllt. Was mich aber schon in meiner Kindheit und Jugend sehr interessiert hat, ist die Politik. Ich bin schon früh politisch aktiv gewesen, hab bei rassistischen Äußerungen oder Ungerechtigkeiten in der Mittelschule versucht, einzugreifen. Das war nicht immer von Erfolg gekrönt. Vorallem wurde und werde ich durch mein eigentümliches Verhalten und meine eigentümliche Mimik sowie durch meinen eigentümlichen Duktus oft missverstanden.
Ich bin in Klagenfurt/Celovec aufgewachsenen, in einer kleinbürgerlichen christlich-katholischen Familie. Laut meiner Mutter war ich als Kind immer sehr andächtig in der Kirche. Ich glaub, dass ich eher angststarr war, weil ich befürchtet habe wegen meiner dunklen Seele und meines Unglaubens in Flammen aufzugehen. Ich habe mich später sehr für die Gruftie- und Punkszene interessiert, nur war die in Kärnten/Koroška so gut wie nicht existent.
Nach der Mittelschule war ich ein Jahr auf der Polytechnischen Lehranstalt und danach bin ich auf die Handelsschule gegangen. Die dauert normal drei Jahre, ich musste ein Jahr wiederholen, weil ich einen psychischen Zusammenbruch hatte. Dafür gab es mehrere Gründe: Meine erste feste Freundin hatte mich betrogen, und das Mobbing hat auch in dieser Schule nicht aufgehört, das habe ich quasi von Schule zu Schule mitgenommen.
Die Probleme, die ich aufgrund meiner Autismus-Spektrum-Störung bei manchen sozialen Interaktionen habe, führen natürlich zu einem Auf und Ab bei meiner psychischen Verfassung.
Die Probleme, die ich aufgrund meiner Autismus-Spektrum-Störung bei manchen sozialen Interaktionen habe, führen natürlich zu einem Auf und Ab bei meiner psychischen Verfassung. Ich kann mich großteils sehr gut unter Kontrolle halten, aber es gibt auch Zeiten, wo es mich weit runterzieht und es schwierig wird.
Schwierig war es auch, eine Arbeit zu bekommen. Mein Vater ist Kameramann, ein sogenanntes Ein-Personen-Unternehmen, da hab ich ein halbes Jahr als sein Assistent gearbeitet. Dann war ich beim AMS, in mehreren Kursen und Arbeitstrainings, und schließlich bei "Autark", das ist eine NGO für Menschen mit Beeinträchtigungen, also auch für Autisten.
Die Autark-Betreuerinnen lassen sich mehr auf die Personen ein als das AMS, gehen z. B. auch mit zu Bewerbungsgesprächen. Nach zwei Jahren hab ich so eine 20-Stunden-Anstellung bei einem Supermarkt in Klagenfurt bekommen. Anfangs als Regalbetreuer, aber da hat es Differenzen mit Kolleginnen gegeben, die meinten, ich würde meine Arbeit nicht richtig machen oder nicht schnell genug. Das hat dazu geführt, dass ich in die Pfand-Abteilung sowie ins Lager gekommen bin. Dort kümmere ich mich um die Pfandautomaten und die Leergut-Kisten, zudem helfe ich in anderen Abteilungen aus.
Im Sommer habe ich noch einen jährlichen Job beim Open-Air-Kino im Klagenfurter Burghof.
Ich bin durchaus ein Nerd, aber ich hab jetzt nicht mehr so die Zeit, Videospiele zu spielen oder Animes zu schauen, weil die Lohnarbeit doch sehr fordernd ist, und ich auch noch andere Verpflichtungen habe, z. B. bei der Kommunistischen Partei, bei der ich seit 2018 Mitglied bin.
Ich verrichte gern diverse Arbeiten im Parteihaus, jetzt hier in Villach/Beljak, früher auch in Klagenfurt/Celovec, dort war ich noch bei der Jungen Linken aktiv.
Es gibt in linken Organisationen generell viele Spaltungen und Konflikte. Die beruhen zum Teil auf ideologischen oder auch rein semantischen Unterschieden, teilweise aber auch darauf, dass man sich auf persönlicher Ebene nicht so versteht.
Es gibt in linken Organisationen generell viele Spaltungen und Konflikte. Die beruhen zum Teil auf ideologischen oder auch rein semantischen Unterschieden, teilweise aber auch darauf, dass man sich auf persönlicher Ebene nicht so versteht. Das macht die politische Arbeit allgemein etwas schwierig, und einige verlieren wegen solcher Streitigkeiten leider die Lust, sich noch politisch einzusetzen.
Die sozialen Ungerechtigkeiten werden größer, die Rechten werden stärker, das gesamte politische Klima ist in den letzten Jahren rauer geworden. Das hat sich ja im Sommer 2025 auch in Kärnten/Koroška gezeigt, wo das Antifa-Camp am Peršmanhof das Ziel eines völlig überzogenen Überfalls durch den kapitalistischen Staatsapparat geworden ist, mit Hunden, Hubschrauber, der gewaltsamen Niederbringung von Anwesenden auf den Boden, und dem klarem Griff zur Waffe.
Wir waren bei den "Demos gegen Rechts" dabei, die sich vor allem gegen die FPÖ und einen "Volkskanzler Kickl" richteten. Ich glaube, dass die FPÖ in Kärnten so beliebt ist, hängt noch immer mit Jörg Haider zusammen. Der hat es im letzten Landtags-Wahlkampf sogar bei verschiedenen Parteien aufs Plakat geschafft, mit Gesicht und irgendeinem Zitat, das er gesagt oder auch nicht gesagt hat, da basteln sich die Rechten einen eigenen Helden-Mythos. Aber es gibt in Kärnten sogar ein paar Linke, die dem Haider nachtrauern, obwohl der wirklich schlimme Sachen gesagt und zum Teil auch gemacht hat.
Die KRJ, die Kommunistische Revolutionsjugend, ist eine relativ neue Jugendorganisation und so gesehen noch in Aufbau. Wir sind basisdemokratisch organisiert und ein Safe Space für Nicht-Normis oder -Normalos. Die meisten von uns sind queer, weiblich oder non-binär.
Wir sind basisdemokratisch organisiert und ein Safe Space für Nicht-Normis oder -Normalos. Die meisten von uns sind queer, weiblich oder non-binär.
Wir veranstalten Feste, wollen eine Theatergruppe aufbauen, einen neuen marxistischen Lesekreis initiieren, oder Hilfsleistungen unter anderem für alte Leute anbieten, z.B. im Winter Holz zu ihnen nach Hause zu transportieren. Wir wollen uns auch in den Jugendräten in Klagenfurt/Celovec und Villach/Beljak einbringen, um dort eine Stimme für unsere Anliegen zu haben.
Den Namen Kira hab ich vor ein paar Jahren selbst gewählt. Aus verschiedenen Gründen. In meiner Generation geben sich viele selber einen Namen und lehnen es ab, ihren bürgerlichen Namen zu benutzen, entweder weil er zu deutsch oder zu österreichisch klingt und man sich da vom Elternhaus abgrenzen möchte, oder weil man sich einem selbst gewählten genderbezogenen Namen wohler fühlt.
Ich bin non-binär. Das heißt: Ich lehne die Geschlechterrollen und Normen der bürgerlichen Gesellschaft entschieden ab. Es gibt mehr als nur zwei biologische Geschlechter, da ist vieles dazwischen. Je nach Tageslage fühl ich mich einmal ein bisschen weiblicher, einmal ein bisschen männlicher, oder geschlechtsneutral, das ist bei mir fluide.
Je nach Tageslage fühl ich mich einmal ein bisschen weiblicher, einmal ein bisschen männlicher, oder geschlechtsneutral, das ist bei mir fluide.
Großen Spaß macht es mir, mit Achterbahnen und anderen Fahrgeschäften zu fahren. Glücklich machen mich nach wie vor Videospiele und Animes und politische Diskussionen. Letzteres nicht immer. Das kann mir auch schlechte Laune machen, wenn Leute bei Diskussionen unsachlich werden und mit Verleumdungen und Rufschädigungen daherkommen.
Traurig macht es mich, wenn Leute die Hoffnung aufgeben. Natürlich ist es heute naheliegend zu denken, dass alles den Bach runter geht, sozial und ökologisch, aber davon darf man sich nicht unterkriegen lassen. Wir dürfen den Kampf gegen den vom Kapitalismus geschaffenen dystopischen Untergang nicht aufgeben. Wenn wir das mit Freundlichkeit und guter Laune schaffen, ist das natürlich hilfreich. Im Moment ist das leider nicht möglich: Wir sind gerade schwer traumatisiert, weil ein lieber 20jähriger Genosse und Freund von einem Auto niedergefahren und getötet wurde.


















