maria
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Als Jugendliche hab ich mir gedacht, ich werd nie Bäuerin. Nie und nimmer. Ich bin auf einem Bauernhof groß geworden, auf einem sehr kleinen, aber einem sehr fortschrittlichen, was zum Beispiel bedeutet hat: mit Schweinen auf Spaltenböden. Das hat mich sehr abgestoßen.
Ich bin auf einem Bauernhof groß geworden, auf einem sehr kleinen, aber einem sehr fortschrittlichen, was zum Beispiel bedeutet hat: mit Schweinen auf Spaltenböden. Das hat mich sehr abgestoßen.
Ich hab zunächst in einer Bank gearbeitet, aber das hat mir überhaupt nicht getaugt. Also hab ich lieber ein freiwilliges Soziales Jahr gemacht. Dann bin ich in Linz auf die MÜLI gestoßen, eine Genossenschaft von engagierten Bio-Bäuerinnen und Konsumenten, da hab ich Anfang der 1980er Jahre zum ersten Mal biologische Lebensmittel kennengelernt. Das war für ich ganz erstaunlich, dass es das auch gibt.
Ich war damals schon mit dem Franz zusammen. Und wie wir nach Peru aufgebrochen sind, um dort drei Jahre lang in der Entwicklungshilfe zu arbeiteten, haben wir schon gewusst: Wenn wir zurückkommen, übernehmen wir den Hof von seiner Mutter und fangen mit Bio an.
Für Bio-Landwirtschaft hat es Ende der 1980er Jahre noch kein Institut auf der BOKU gegeben und auch kaum Beratung, das war mehr ein Ausprobieren. Wir waren in vielen Fragen noch ziemlich unbedarft, aber zum Glück hat uns ein Cousin vom Franz, der auch auf Bio umgestiegen ist, viel geholfen. Und dann waren da noch andere junge Bio-Pionierinnen wie wir, auch mit kleinen Kindern, wir haben uns auf den Höfen getroffen und geschaut: Wie hast es du gemacht? Ich hab das aber anders gemacht. So haben wir alle voneinander gelernt.
Eines Tages ist ein Bauer bei uns aufgetaucht und hat gesagt, er kommt, um den Bauernbund-Beitrag zu kassieren. Haben wir gesagt: Wir sind ja nicht Mitglied. Hat er gesagt: Oh ja, da schau auf die Liste. Es hat sich herausgestellt, dass mein Vater und Franz seine Mutter uns da eingetragen haben, weil: Wenn man sechszehn wird, tragen sie einen da einfach ein. Ja, furchtbar. Wir konnten uns überhaupt nicht mit dem Bauernbund identifizieren. Also sind wir ausgetreten. Und zu der Zeit war das ein kleiner Skandal.
Mein Vater, Bauernbund-Obmann, ÖVP-Obmann, Ortsvorsteher, der hat es dann zu hören gekriegt: Deine Tochter! Keiner tritt vom Bauernbund aus, nur deine Tochter! Und so weiter.
Mein Vater, Bauernbund-Obmann, ÖVP-Obmann, Ortsvorsteher, der hat es dann zu hören gekriegt: Deine Tochter! Keiner tritt vom Bauernbund aus, nur deine Tochter! Und so weiter. Er hat das erleiden müssen. Was das betrifft, ist er wirklich tolerant gewesen, er hat uns keine Vorwürfe gemacht, aber er hat natürlich innerlich gelitten.
Heute muss ich sagen, dass es für mich so selbstverständlich war, mich zu organisieren und zu engagieren, im Kampf gegen die A5, bei der Österreichischen Berg- und Kleinbäuerinnen Vereinigung ÖBV, mit der Kabarettgruppe "Miststücke", oder 20 Jahre lang als Gemeinderätin für die Wolkersdorfer Umweltinitiative, das verdanke ich irgendwie auch meinem Vater, weil der ja auch sehr aktiv war.
Ich kann mich erinnern, wie ich noch ein Kind war, sind die jungen Bauern bei uns in der Stube gesessen und haben überlegt, was sie besser machen können, haben einen Maschinenring gegründet, einen Weinbauverein, einen Bauernverein, die haben sich ja auch was überlegt. So habe ich schon früh mitbekommen, dass man gemeinsam etwas verändern kann.
Schlägt man eine neue Richtung ein, ist der Weg naturgemäß etwas steinig.
Schlägt man eine neue Richtung ein, ist der Weg naturgemäß etwas steinig. Über die Bio-Landwirtschaft haben die alten Bauern lange den Kopf geschüttelt: Das wird nichts, da hast keinen Absatz. Und auch heute heißt es noch immer: Nur die industrielle Landwirtschaft wird uns retten, weil sonst werden wir alle verhungern. Dabei ist es längst bewiesen, dass wir die Welt auch mit biologischen Nahrungsmittel ernähren können.
Die wichtige Frage dabei ist, wie man sich ernährt. Wenn man zwei Mal jeden Tag Fleischprodukte isst, dann ist es schwierig. Aber wenn wir eine pflanzenbasierte Nahrung haben, mit Milchprodukten, und mit hin und wieder einem Fleisch, dann ist das überhaupt kein Thema. Es wäre für unsere Gesundheit besser, für die Fruchtbarkeit der Böden, fürs Klima, für die Artenvielfalt. Manchmal wundere ich mich schon, dass es für viele so schwer ist, diese gar nicht so komplizierte Erkenntnis zu verstehen.
Ich war unlängst auf einer Weiterbildung von dem Projekt "Schule am Bauernhof", zum Thema Gesundheit und Klima. Und beim Klima ist gesagt worden, dass die Landwirtschaft in Österreich für 12 Prozent der Treibhausgase verantwortlich ist. Ui, da hat es sofort einen Aufschrei gegeben bei den konventionellen Bäuerinnen: Das ist ein Witz, wir machen eh schon so viel, und jetzt sind wir auf einmal für den Klimawandel verantwortlich!
Die konventionellen Landwirte stehen heute enorm unter Druck, sie müssen wachsen oder zusperren, bei uns im Dorf haben schon die Hälfte der Betriebe aufgegeben. Die Bauern und Bäuerinnen fühlen sich ständig angegriffen, und beim Thema Klima wird leider immer gleich die Opferhaltung eingenommen. Dabei sind bei diesen 12 Prozent viele Dinge gar nicht dabei, z. B. die Verarbeitung oder der Transport, andere Berechnungen kommen sogar auf 40 Prozent.
Der Bauernbund unterstützt die Opferhaltung. Allein, was es da für eine Aufregung gab, als die Ministerin Gewessler beim Renaturierungsgesetz zugestimmt hat, halleluja! Da sind im "Bauernbündler", der Zeitung vom Bauernbund, völlig aus der Luft gegriffene Dinge gestanden, mit denen sie die Bauern aufgehetzt haben.
Ein Argument gegen Bio-Produkte ist der Preis. Der ist für Menschen, die arm sind oder an der Armutsgrenze, wirklich schwierig. Andererseits werden heute noch immer ein Drittel aller Lebensmittel weggeschmissen. Und was ganz verschwiegen wird, sind die Folgekosten der Billigprodukte: weite Transporte, Umweltschäden, Klimaschäden, gesundheitliche Folgen etc. All das trägt die Allgemeinheit. Da müsste sich der Staat etwas einfallen lassen, wie man die Mittel anders einsetzt, um eine Grundversorgung mit Bio für alle zu ermöglichen.
Zudem hat der Biolandbau immer noch große Entwicklungspotentiale.
Wenn ich mir anschaue, was die Jungen heute im Vergleich zu uns damals alles machen, das ist wirklich toll. Da ist alles in Bewegung, wie wir selber auch. wir erneuern ja auch ständig unsere Zellen, und der Boden genauso, und das Gehirn hoffentlich auch.
Da ist alles in Bewegung, wie wir selber auch. wir erneuern ja auch ständig unsere Zellen, und der Boden genauso, und das Gehirn hoffentlich auch.
Als sie uns von der Berg- und Kleinbäuerinnen-Vereinigung damals gefragt haben, ob wir mitarbeiten wollen, haben wir überlegt: Wer von uns zwei macht es? Wir haben ja zu dem Zeitpunkt schon zwei Kinder gehabt. Und da hat der Franz gemeint: Du bist eher der Typ für so eine Aufgabe. Also hab ich das wahrgenommen und der Franz hat mehr von der Hausarbeit und Kinderbetreuung übernommen, weil ich ja jetzt öfter weg war.
Und das, find ich, war auch etwas ganz Tolles, weil das für ihn etwas eröffnet hat, ein ganzheitlicheres Leben, das er sonst wahrscheinlich nicht so leicht gehabt hätte. Wir haben heuer zum Vatertag im Netzwerk "Fair sorgen" eine Aktion gemacht, bei der in ganz Österreich Männer-Statuen Tragetücher mit Puppen umgehängt wurden, und auch da war die Botschaft: He Männer, euch entgeht was, wenn ihr die Sorge-Arbeit den Frauen überlässt.
In einer Studie hat sich gezeigt: Je besser die Sorge-Arbeit verteilt ist, desto weniger Gewalt gibt es in der Familie.
In einer Studie hat sich gezeigt: Je besser die Sorge-Arbeit verteilt ist, desto weniger Gewalt gibt es in der Familie. Darum ärgert mich auch diese gerade stattfindende Rückkehr zu alten, lebensfeindlichen Männlichkeitserzählungen so sehr. Wir waren doch schon viel weiter.
Als Bäuerin seh ich die Probleme mit den Böden, der Erderhitzung, dem Artenschwund sehr unmittelbar, aber ich fühl mich ihnen nicht ohnmächtig ausgeliefert, weil ich Möglichkeiten habe, zur Veränderung beizutragen. Ich bin sehr froh, dass mein Sohn Severin und mein Neffe Tobias, die den Hof übernommen haben, diesen Weg der Biolandwirtschaft so engagiert weitergehen. Auch hab ich das Glück bei der Kabarettgruppe "Miststücke" mit ganz tollen Kolleginnen schwierige Themen mit Humor und Leichtigkeit zu bearbeiten. Und ich kann heute mit den Enkelkindern auf der Erde herumtollen und selbst wieder etwas Kind werden und dadurch viele Selbstverständlichkeiten neu sehen und hinterfragen, das macht mich sehr glücklich.































