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Ich bin mir ziemlich sicher, dass es in einem Kontakt-Inserat ziemlich unsexy klingt, wenn ich schreib: Eigentlich kann ich nicht richtig gehen, weil ich hab einen Verkehrsunfall gehabt, und ich lebe in Armut, von nackerten 650 Euro Notstandhilfe im Monat, und ich kann mir nicht einmal leisten, auszugehen.

Also lass ich das lieber und arbeite weiter an meiner Heilung und schau, dass ich wieder fit werde und Geld verdienen kann. Und es ist ja auch was anderes, wenn ich schreib, ich bin 54, oder wenn mich jemand in Echt sieht und fragt, und ich sag dann: Ich bin schon 54. Das macht einen großen Unterschied, weil ich ja jünger wirke.

Natürlich nützt es einem nix, jünger auszuschauen, wenn man sich nur mehr bewegen kann wie ein Greis. Ich kann nicht einmal zum Billa gehen, da tut mir schon alles weh.

 

Oder zu Hause: Wenn mir etwas runterfällt und ich mich bücke, brauch ich fünf Minuten, bis ich mich wieder halbwegs einrichten kann. Das ist wirklich ein sehr eingeschränktes Leben. Die Pandemie-Lockdowns haben für mein Leben eigentlich nicht viel Veränderung gebracht.

Vor dem Unfall hab ich ein turbulentes Leben gehabt. Und Freunde, mehr als Finger an der Hand. Aufgewachsen bin ich im Zweiten Bezirk, in der Nähe vom Prater. Ich hab Gärtner gelernt. Bin dann im selben Betrieb Obergärtner geworden. Hab dann mit 21 meinen Sohn gekriegt, war also ein ziemlich junger Vater, und dann der Klassiker bei jungen Eltern: Trennung.

Nach dem Gärtnern bin ich Taxi gefahren, und schließlich hab ich im Gastgewerbe angefangen, das war in einer Herrensauna, im berühmten Kaiserbründl in der Weihburggasse. Ich steh ja auf Frauen und das war dem Willi, dem Geschäftsführer, ganz recht: Da bist wenigstens nicht abgelenkt und konzentriest dich auf die Arbeit. Und wenn Gäste ein bissl lästig geworden sind, hat er immer gesagt: Finger weg, das ist meiner!

Das Wichtigste in all den Jahren war mir, dass ich genug Zeit für meine Kinder hab.

Das war schon bei meinem Sohn so, von Anfang an, ich war da 1988 beim Bundesheer, und für die damalige Zeit war das schon etwas Besonderes, wenn ein Soldat sagt: Wehrmann Hagmann meldet sich zum Bitt-Raport und bittet um Dienstfreistellung für den Babypflege-Kurs.

Am Life Ball 1994 hab ich die Mutter meiner Tochter kennen gelernt. Meine Tochter ist 1998 auf die Welt gekommen, 2000 haben wir uns getrennt, dann haben wir das eigentlich bis zum Jahre 2010 wunderbar gemanget, das mit der geteilten Betreuung. Ich hab nur 20 Stunden gearbeitet, in einer Kindergruppe, damit ich genug Zeit für meine Kinder hab. Und eigentlich hab ich das schon damals gewusst: Ich muss aufpassen, sonst bringt mich das in die Altersarmut.

Ab 2010 war es dann so, dass meine Tochter nur noch am Wochenende zu mir wollte, also hab ich angefangen, mich beruflich anders zu orientieren, wollte gut Geld verdienen, und hab wieder im Gastgewerbe gearbeitet, Vollzeit, im Savoy. Ich wollt mich nach den vielen Jahren mit Kinderbetreuung endlich darum kümmern, mir eine halbwegs akzeptable Pension zu erarbeiten. Aber noch im selben Jahr ist der Unfall passiert.

Das war ein Unfall, den man normal nicht überlebt, hat der Arzt damals gemeint, ich hab also auch Glück gehabt. Es war bei der Friedensbrücke. Ich wollt noch die Straßenbahn erwischen, bin über den Zebrastreifen gelaufen, der Autofahrer hat eine Kolonne von zehn stehenden Autos überholt, mit 70 km/h, auf der rechten Abbiegespur, und hat mich dann grad noch erwischt.

Durch den Unfall ist es zum Wadenbeinbruch gekommen, und zu einem Pronationstrauma, also dazu, dass bei mir auf der kompletten rechten Körperhälfte Beuger und Strecker verdreht sind. Das bildet sich auch in der Wirbelsäue ab. Aber das haben sie damals nicht erkannt. Acht Jahre nach dem Unfall hab ich ein Röntgen machen lassen, da hat sich gezeigt, dass die Wirbelsäule komplett schief ist, Deformationen in allen Abschnitten.

Mit dem Unfall hat eine lange und komplizierte Leidensgeschichte begonnen. Irrsinnige Schmerzen, Druck im Kopf, Schwellungen an den Beinen, Probleme mit der Schilddrüse. Ich hab meine Zähne verloren, fast komplett. Zum Glück hat mir da meine Mutter geholfen, finanziell, sonst würd ich heut noch ohne Zähne herumrennen.

Eine andere Unfallfolge ist, dass ich mein soziales Umfeld verloren habe. Meine Tochter hat sich von mir verabschiedet, mein Sohn hat sich von mir verabschiedet, und meine Ex-Partnerin. Früher konnte ich anderen eine gewisse Ruhe geben, durch meine Schmerzgeschichte war ich natürlich auch nervlich angegriffen, ich bin einfach zu schnell emotional geworden.

Seit 2018 mach ich Physiotherapie und das hat auch schon viel geholfen. Aber ich steh ohne Diagnose da, weil die Ärzte alle spezialisiert sind, auf eine Sache zu nah hinschauen und die Zusammenhänge nicht erkennen. Das liegt auch daran, dass die heute praktizierenden Ärzte im Schnitt vor 20 Jahren ausgebildet worden sind und wenig bis keine Ahnung von der Faszienstruktur im Körper haben. Sie haben noch nicht verstanden, dass dieses Gewebegeflecht im Grunde ein eigenes Sinnesorgan ist, das Schmerzen speichern kann, die Kraftübertragung der Muskeln organisiert und so weiter, das sind ja eher neue Forschungsergebnisse.

Da red ich dann zu den Ärzten wie zu einer weißen Wand. Und dann sagen sie, meine Probleme sind psychosomatisch. Oder sie schicken mich zum nächsten Spezialisten. Das ist keine angenehme Position, wenn du nicht ernst genommen wirst. Weil natürlich brauch ich wie jeder Mensch ein Umfeld, in dem ich akzeptiert werde.

2004 hab ich eine private Pensionsvorsorge abgeschlossen, die berühmte Dritte Säule, die sie einem damals eingeredet haben, und die ist mir jetzt in der Arbeitslosigkeit auf den Kopf gefallen. Weil deswegen bekomme ich heute keine Mindestsicherung, beziehungsweise kann ich nicht aufstocken auf die Mindestsicherung, und muss mit den 650 Euro Notstandshilfe auskommen. Da heißt es im Winter manchmal: Entweder Lebensmitteln kaufen oder Holz zum Heizen. Wenn es ganz prekär wird, hab ich Gottseidank noch Eltern, die mir helfen können.

2012 hab ich es geschafft, gegen die Widerstände vom AMS, eine Ausbildung zum Heilmasseur zu machen. Jetzt geht es nur noch darum, dass ich es schaff, dass meine Wirbelsäule wieder gerade wird und ich vernünftig gehen kann. Dann kommt es auch nicht mehr zu all den Symptomen, und ich kann eigentlich wieder alles machen. Ich bin wahrscheinlich einer von wenigen Massage-Therapeuten, welche das Fastiensystem im wahrsten Sinne des Wortes begriffen haben, und das wäre meine Stärke, wenn ich das beruflich mache. Und damit könnte ich auch gut verdienen. Das ist mein Ziel. Langfristig.

martin

LESEZEIT: 06-08 min

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