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Ich habe mich immer schon gefragt, wie kann man gesund und glücklich leben? Wie kann es gehen, dass man gerne auf der Welt ist?

Bei der Matura war ich schwanger mit dem ersten Kind. Ich wollte dann aber nicht mit Baby in einer Stadtwohnung sein, ich wollte in die Natur. Ich wollte, dass meine Kinder in der Natur aufwachsen und nicht die ganze Zeit arbeiten, um einen gewissen Standard aufrecht zu erhalten.

 

Ich wollte Zeit zum Glücklichsein haben, für Beziehungen und Raum für persönliche Entfaltung.

 

Mein Partner und ich haben dann im Burgenland ein Grundstück gekauft, weil hier auch viele Gleichgesinnte sind und die Preise nicht so hoch sind. In jenes in Unterwart haben wir uns verliebt und darauf ein Wohnmobil gestellt.

Mein zweites Kind ist hier unterm Kirschbaum auf die Welt gekommen, auch dadurch hänge ich sehr an diesem Grundstück. Wir wollten ein Tiny-Home bauen, möglichst energieautark, möglichst wenig Plastik und Metall als Baustoffe. Wir haben Regenwasser als Brauchwasser genutzt, das Trinkwasser haben wir von einer Quelle geholt. Wir haben ausprobiert, mit wie wenig wir auskommen können, und was der Preis für die Abstriche ist.

 

Wir hatten eine Beziehungskrise und ich bin länger allein mit den Kindern unterwegs gewesen, von Kreta bis nach La Palma. Der Kleine war ein Jahr alt, als wir weggefahren sind, er hat unterwegs gehen gelernt. Wir hatten insgesamt sehr niedrige Reisekosten, weil wir oft gezeltet haben oder in Hippie-Communities mitgelebt haben. Das war sehr bereichernd und lehrreich, aber ich bin ziemlich ausgebrannt zurückgekommen. Es war einerseits körperlich zehrend, den Kleinen und das Gepäck musste ich schließlich viel tragen. Die Beziehungskrise hat mir auch sehr zugesetzt. Nach meiner Rückkehr wurde ich dann krank. Ich habe keine Perspektive mehr gesehen. Die Kinder waren tagsüber beim Kindsvater in der Nähe. Bei mir haben sie übernachtet, aber ich konnte mich über Monate nicht mehr wirklich um sie kümmern. Er hat auch für mich eingekauft, weil ich nicht unter Leute gehen konnte.

Sehr langsam habe ich mich wieder erholt, doch dann kam die behördliche Anordnung, dass ich nicht mehr mit den Kindern im Bus wohnen darf. Ich habe dann ein Haus aufgetrieben, nur zu Betriebskosten, die ich mit Müh und Not stemmen konnte.

 

Ich hatte kurz davor begonnen, mich mit ätherischen Ölen zu beschäftigen. Mein letztes Geld habe ich dann dafür investiert, in der Hoffnung, ausreichend Einkommen generieren zu können, und habe am Bauernmarkt die Öle verkauft. Es musste Geld reinkommen, denn ein Auto brauchte ich dann auch.

In dem Jahr, als ich krank war, hatte ich sehr wenige soziale Kontakte, ein soziales Netz fehlte nach dem Umzug damals weitgehend. Es war schwierig, mich wieder hinauszuwagen und dabei nicht zu überfordern, aber ich habe mein soziales Netz wieder ausgeweitet und habe nun ein stabiles Netz, das durch wechselseitige Unterstützung geprägt ist. Wenn etwas ist, weiß ich, wohin ich kann. Dieses Netz ist mir sehr wichtig, es ist mein wertvollster Rückhalt.

 

Mir sind Räume wichtig, in denen ich leben darf, wo ich nicht im Hamsterrad bin, wo mir keine engen Strukturen aufgedrückt werden. Dieses Gefühl der Freiheit und Lebendigkeit, in Verbindung zu sein mit anderen und mit mir, das ist mir wichtig.

Früher war ich oft einsam, jetzt bin sehr gerne allein. Ich brauche Zeit, um Bücher zu lesen, Musik zu machen, in der Sonne zu liegen. Dann kann ich auch wieder richtig effizient arbeiten und Dinge voranbringen.

Ich ersticke sonst in auferlegten Strukturen, Druck von außen, Erwartungen, die gestellt werden oder durch Abwertungen meines Lebensstils oder meiner Tätigkeiten.

Ich merke, dass ich dadurch nicht der Mehrheit entspreche, und für mich ist das okay. Mittlerweile habe ich Respekt und ehrliche Wertschätzung dafür, dass viele andere Menschen einfach anders funktionieren, und dass sie es anders machen. Das Schöne ist ja, dass man in Austausch gehen und sich gegenseitig ergänzen kann.

 

Ich habe auf den Märkten dann tatsächlich Umsätze gemacht, die mich ermutigt haben, in Ausbildungen zu Aromatherapie und Duftkommunikation zu investieren. Mein ganzes Wesen hat besonders bei der Duftkommunikation danach geschrien, mir dieses Wissen anzueignen. Sie bereichert meine Tätigkeit enorm, ich konnte schon viele wunderschöne Erfahrungen damit sammeln. Ich passe wohl nicht ganz ins System, es fühlt sich momentan einfach nicht richtig an für mich, übliche Ausbildungen zu machen. Aber auch vorher war ich schon abseits der üblichen Wege unterwegs.

 

Ich habe am Anfang der ersten Schwangerschaft drei Monate Bildhauerei in Florenz studiert. Ich hatte voll den Plan, hätte auch Studienplätze in Schottland und Spanien gehabt, aber dann hat sich der Plan geändert. Oder vielleicht bin ich eher zum ursprünglichen Plan zurück, denn ich wollte ohnehin immer früh Mutter werden. Es wäre schön gewesen, die Schule in Florenz fertigzumachen, aber die Schnöselkunstwelt war ohnehin nie meines.

Es ist lustig für eine gewisse Zeit, aber dann erstickt es mich. Wenn ich mich nur künstlerisch ausdrücken könnte, ohne Druck, ohne Forderung, dann wäre es schön. Am wohlsten fühle ich mich unter Hippies, das ist meine Welt, da darf ich einfach sein.

 

Ich mache auch Musik, ich spiele Ukulele. Das habe ich mir selbst beigebracht, in der Zeit, als ich krank war. Und ich singe. Eine meiner vielen Ideen war, dass ich mich und die Kinder mit Straßenmusik finanziere. Es wäre möglich gewesen, wenn ich mit ihnen im Bus leben könnte, dann braucht man eigentlich nicht viel.

 

Nun gehen die saisonalen Märkte wieder los, deren Umsätze mich übers Jahr tragen, doch durch die Corona-Unterbrechung fehlt mir die Routine und das Vertrauen, dass der Verkauf wieder funktioniert. Das Lager ist leer, ich müsste nachbestellen. Ich habe aber Angst vor neuen Enttäuschungen. Dass ich wieder meine Zeit und meine Ressourcen investiere und wieder nichts funktioniert.  Als der Verkauf nämlich ein wenig zu laufen begann, kam Corona.

 

Ich war lange der Meinung, dass die persönliche Haltung ausschlaggebend ist, ob man sich arm fühlt oder nicht. Ich habe immer etwas zu Essen gehabt, hatte Zeit für meine Kinder, Zeit, um mein Leben selbstbestimmt zu gestalten.

 

Ich habe mich trotz eines Lebensstandards weit unter der Armutsgrenze reich gefühlt, durch Corona habe ich aber gesehen, was Armut bedeuten kann. Wie stark sie einschränkt, wenn man keine Wahl mehr hat. Ich fühlte mich sehr ausgeliefert, die Selbstwirksamkeit fehlte mir.

 

Mir fehlte auch sehr das Zuhause, das Verwurzelt-sein. Der Bus auf dem Grundstück war damals mein Refugium, das war wirklich meines. Es war zwar oft anstrengend, aber auch sehr schön für mich dort zu sein. Nun wurde viel kaputt gemacht und Dinge wurden gestohlen. Dort liegen meine zerbrochenen Träume brach.

 

Inzwischen finde ich mich Stück für Stück wieder zurecht und schaue zaghaft, wo das Leben mich hinleitet. Bisher hat es ja immer noch irgendwie funktioniert, und ich lebe in der Gewissheit, dass das Leben mir grundsätzlich wohlgesonnen ist. Mir scheint auch, dass sich momentan viele scheinbar eigenständige Elemente meines Weges miteinander verbinden und sich einfügen in ein größeres Ganzes. Ich bin neugierig, wohin die Reise geht. Fad wird mir jedenfalls nicht!

mira

LESEZEIT: 10-12min

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