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Es ist obszön, wie groß die Schere zwischen Arm und Reich ist und dass sie weiter aufgeht. Mit nicht einmal 1.000 Euro im Monat darf nichts Außernatürliches passieren. Man kann sich keine Urlaube leisten, nicht mit ehemaligen Freundinnen mithalten, die mal für ein Wochenende in die Therme fahren. So zerbrechen dann schon mal Freundschaften. Man kann nicht für Notfälle sparen. Manchmal drückt dieser Zustand, der auch keinerlei Änderungen mehr erfahren kann, schon sehr aufs Gemüt. Ich habe oft schlaflose Nächte, wo sich die Gedanken im Kreis drehen. Nie hätte ich in jungen Jahren und während meiner Studien- und Ehezeit gedacht, mich einmal im Alter so arm wiederzufinden.

 

Ich bin ein Kind des steirischen Zirbenlandes und sozusagen mit Kernöl und Polentasterz aufgewachsen. Nach der Matura in einer obersteirischen Kleinstadt habe ich in Graz erfolgreich Pädagogik und Psychologie studiert, aber leider kurz vor der Dissertation abgebrochen.

Der Liebe wegen bin ich nach Wien, ich habe das Institut für Heimerziehung absolviert und habe in verschiedenen sozialen Bereichen als Beamtin gearbeitet. Allerdings war das nie so das Meine. Nach Heirat und Umzug ins Waldviertel haben mein Mann und ich Schlittenhunde gezüchtet und vor allem er hat intensiv an Schlittenhunderennen in halb Europa teilgenommen. Ich entsagte dem Dienst als Beamtin, wie das so schön heißt, und habe mich der Versorgung der teilweise sehr großen Anzahl der Huskies gewidmet. Ich bin zwar auch Rennen gefahren, war aber mehr mit der Fütterung und den anfallenden Arbeiten beschäftigt. Mein Mann hat damals sehr gut verdient, so ein „Hobby“ ist äußerst kostspielig.

 

Dann die Scheidung, Rückkehr nach Wien. Ich habe einige Semester Ethnologie und Philosophie studiert, aber mit dem Ende der Zahlungen meines Mannes war ich gezwungen Arbeit zu suchen. Das war alles andere als einfach, meist nur Teilzeit oder befristet, wie im Kindermuseum im Schloss Schönbrunn oder etwa als Behindertenbetreuerin der Caritas. So bekomme ich durch die langen Studienzeiten und dem Daheimbleiben nun nur die Mindestpension.

 

Ich rate allen jungen Frauen unbedingt für eine eigene gute Pension vorzusorgen und auf ein Pensionssplitting zu bestehen.

 

Zur Armutskonferenz und Plattform „Sichtbar werden“ bin ich durch Zufall gekommen. Ich finde, der Verein ist eine wunderbare Sache, sich engagieren zu können, lässt mich nicht ganz so hilflos zurück. Obwohl, de facto ändert sich nicht so viel, etwa dass die Mindestpension auf 1.500 Euro angehoben werden würde, damit man davon leben kann. Es gibt schon Unterstützung, wie die Lebensmittelausgabe der Caritas oder Sozialmärkte. Aber ich weiß von anderen Armutsbetroffenen, die sich schämen, dort einzukaufen. Ich allerdings habe keine Zeit mehr für Scham. Und ich finde, es ist eine Opfer-Täter Umkehr, nicht wir Arme sollten uns schämen müssen und unsere Armut verstecken, sondern dieses ÖsterREICH. 

 

Wir Armen leiden auch am meisten unter der Klimakatastrophe, obwohl unser ökologischer Fußabdruck sehr klein ist. Wir besitzen keine Yachten, keine Dachwohnungen, keine Geländewagen, fliegen nicht auf Urlaub. Dabei sind wir alten Arme eine ökonomische Größe, ganze Wirtschaftszweige leben hauptsächlich von uns, wie Sanitätsfachgeschäfte, Fußpfleger:innen, Senior:innenheime und viele mehr. Wir tragen unser Geld direkt in den Supermarkt.

 

Dummheit, Bösartigkeit, Lärm und Schmutz halt ich nicht aus, mich stärkt ein Lächeln, freundliche Menschen, schwimmen, gute Geschichten, Ruhe. Ich wohne im 10. Bezirk in einer sehr günstigen kleinen Wohnung von 36 m². Lange habe ich gesagt, ich wohne im 8. oder 9. Bezirk, weil ich mich so geschämt habe. Aber einen Umzug kann ich mir einfach nicht leisten. In einigen Jahren werde ich in ein Seniorenhaus umziehen, diese Wohnung ist absolut nicht altersgerecht und einen Umbau kann ich mir auch nicht leisten.

Armut macht krank.

Meine Wohnung ist dunkel und laut.

Ohne Ohropax kann ich nicht schlafen.

 

Einmal habe ich in einem Wohnmagazin eine Homestory mit Toni Faber, dem Dompfarrer, gelesen. Ich habe ihm geschrieben, ob er mir nicht auch eine so schöne Wohnung am Stephansplatz, eh nur eine ganz kleine, vermitteln könnte. Er hat mir geantwortet, die freien Wohnungen dort sind reserviert für reisende Priester, die auf Besuch kommen, aber er wird für mich beten. Auch nicht schlecht, wer kann schon von sich behaupten, dass der Toni Faber für einen betet. Wenigstens das!

 

Ein utopischer Traum ist das Schreiben. Ich habe viel Zeit und wenig Geld. So reiche ich bei den unterschiedlichsten Literaturwettbewerben meine Texte ein. Bisher ohne Erfolg, aber Schreiben hilft auch sehr gut gegen die Einsamkeit. Ich bin auch bei verschiedenen Theatergruppen und habe bei einigen Performances mitgemacht.

 

Zur Erholung fahre ich gerne mit dem O Wagen zum Schlosspark Belvedere. Besonders gut gefällt mir dieser kleine Pavillon beim Botanischen Garten. Wenn man nach oben geht, hat man einen schönen Ausblick bis zum Kahlenberg. Dieses Ensemble steht leer, da würde ich gerne wohnen!

monika

LESEZEIT: 03-05 min

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