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philipp

LESEZEIT: 10-12 min

Wozu Bubenarbeit? Ich finde, Buben brauchen Unterstützung, damit sie zu Männern werden, die gleichberechtigte Partnerschaften leben wollen.

Ich selbst war so ein typischer Bub. Die Gewalttradition der vorangegangenen Generationen ist stark eingeschrieben gewesen in meinem Körper.

Ich selbst war so ein typischer Bub. Die Gewalttradition der vorangegangenen Generationen ist stark eingeschrieben gewesen in meinem Körper. Ich hab auch zwei ältere Brüder und da ist immer viel gekämpft worden. Das heißt, ich hab mich auch geprügelt, bis ich bemerkt habe, dass ich nicht so stark bin und eigentlich andere Strategien anwenden sollte.

Ich bin irgendwie zwischen den Welten aufgewachsen. Einerseits im bürgerlichen 8. Wiener Gemeindebezirk, andererseits als Kind einer Arbeiterfamilie. Ich hab im Gymnasium nicht ganz dazugehört, und im Jugendzentrum auch nicht.

Und dann hat es Bereiche in meinem Leben gegeben, die eher untypisch waren für einen Burschen. Ich hab mich zum Beispiel für Ballett interessiert. Ich hab dann Breakdance gemacht mit zwölf, und zufällig den Fernseh-Clown Enrico kennengelernt, und lustigerweise einen Breakdance-Auftritt bei der Kindersendung "Am Dam Des" gehabt. Dadurch hat es sich ergeben, dass ich bei den Sommerfestspielen in Melk mittanzen durfte, da natürlich wieder Ballett.

Ich hab keine Möglichkeiten gehabt, mich tänzerisch ernsthaft weiterzuentwickeln, aber es war eine spannende Erfahrung. Auch die Erfahrung, dass es Seiten in meinem Leben gab, von denen ich meinen Freunden nichts erzählte, weil sie nicht als männlich galten und der Gruppendruck da relativ stark war.

Als Jugendlicher war ich in einem politisch aktiven Freundeskreis. Ich hab mich für Entwicklungsarbeit interessiert und für Befreiungstheologie. Dann hab ich angefangen, Buddhismus und Völkerkunde zu studieren, bin aber eher immer arbeiten gegangen, aus der Not heraus. Im Zivildienst hab ich in der Behindertenbetreuung bei der Lebenshilfe gearbeitet, und dann hab ich mir gesagt: Okay, ich werde Lehrer. Es auf der Uni zu studieren, hab ich mir nicht zugetraut, also hab ich das Sonderschul-Lehramt gemacht.

Es auf der Uni zu studieren, hab ich mir nicht zugetraut, also hab ich das Sonderschul-Lehramt gemacht.

 

Gleich nach der Ausbildung bin ich in einer Alternativschule im WUK gelandet, in der "Schüler*innenschule". Ich hab ein Praktikum gemacht und bin dann acht Jahre dort geblieben. Das waren in Sachen Schule die prägendsten Jahre für mich. Da bin ich in Kontakt mit der Mädchenarbeit gekommen, also der gezielten Förderung von Mädchen jenseits der traditionellen Rollenbilder. Und dann gab es irgendwann den Vorschlag, auch ein Burschenprojekt zu machen.

Mir ist schon in einem anderen Projekt aufgefallen, dass die Mädchen das Korrektiv für die Burschen darstellen, das heißt: Die Mädchen haben urviel geredet, die Burschen gar nix. Da war es naheliegend, das einmal geschlechtergetrennt zu machen. Seitdem hab ich mich damit beschäftigt, was Bubenarbeit ist und sein kann.

Ich hab mir verschiedene Konzepte und Einrichtungen in der Schweiz und in Deutschland angeschaut, hab eine zusätzliche Ausbildung gemacht, viel ausprobiert, viel selbst entwickelt, und dann 2007, nach der Schüler*innenschule, begonnen als Gender-Experte für das Bildungsministerium zu arbeiten. Die konnten mich nicht als Privatperson bezahlen, also haben meine Partnerin und ich den Verein POIKA gegründet. POIKA ist im Laufe der Zeit gewachsen und bietet mittlerweile gendersensible Arbeit mit allen Kindern und Jugendlichen an, schulisch und außerschulisch.

Wir sind dann mit den Jahren in die Kategorie Gewaltprävention hineingerutscht, weil letztlich ist ja diese Arbeit mit Rollenbildern auch eine, die präventiv wirkt.

Wir sind dann mit den Jahren in die Kategorie Gewaltprävention hineingerutscht, weil letztlich ist ja diese Arbeit mit Rollenbildern auch eine, die präventiv wirkt. Da gibt es dann von den Schulen manchmal falsche Erwartungshaltungen: Aha, ihr löst Gewaltprobleme. Da muss ich dann immer sagen: Nein, wir machen sie höchstens sichtbar, aber wir lösen sie nicht.

Wir sind da nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Es braucht viele Ansätze, in der Erziehung und im staatlichen Bereich. Bei den Medien, die patriachale Codes reproduzieren. Im sozialen Bereich, weil auch Armut erzeugt Gewalt.

 

Ein Workshop dauert drei Stunden. Bei den Burschen stellt sich da zunächst die Frage: Wie kommen wir in die Sprache.

Eine sehr einfache Methode ist, sie einfach einmal zu fragen: Was ist Männlichkeit? Und dann kriegst du alle Antworten, also von 1000 Penissen, die gezeichnet werden, hin bis zu stark, kräftig, Brotverdiener, bis hin zu: Ja, mein Papa kümmert sich ganz lieb, der war zwei Mal in Karenz. Da gibt es eine große Brandbreite.

Wenn es um die Frage geht, wer macht was zu Hause, da ist es dann immer ganz ruhig, weil sie über ihre Lebensverhältnisse erzählen und das etwas ist, das untereinander kaum besprochen wird.

Wenn es um die Frage geht, wer macht was zu Hause, da ist es dann immer ganz ruhig, weil sie über ihre Lebensverhältnisse erzählen und das etwas ist, das untereinander kaum besprochen wird. Die einen erzählen, die Mama macht dies, und der Papa macht das, und andere sagen dann, meiner macht gar nichts, und da ist vielleicht auch ein bisschen Ärger dabei. Und da können wir gemeinsam über Sozialisation nachdenken: Wie wachsen Männer auf und wie Frauen? Wobei wir da versuchen, auf einer persönlichen Ebene zu bleiben. Genauso beim Thema Religion. Wir reden dann nicht über den Koran, wir reden über die drei Grundthemen der Religionen: Woher kommst du, wer bist du, wohin gehst du.

Wir leben heute in einer viel diverseren Zeit, also die Auswahlmöglichkeit ist heute viel größer. Das ist ja was Positives, aber gleichzeitig gibt es da einen Wettbewerb um die Aufmerksamkeit, in dem dann die Burschen oft von den Lautesten gut erreicht werden, von den Bloggern der frauenfeindlichen Manosphere. Und dann denken sich die Jungs, der Andrew Tate sagt das und der andere Influencer auch, und ja, das ist alles richtig für mich.

Die Bubenarbeit setzt dort an, dass wir analog genau über diese Dinge sprechen können. Weil wenn sie jetzt eine gewaltvolle Sprache verwenden oder queerfeindlich sind, dann fragen wir einfach nach. Und diese Fragen sind ungewöhnlich für sie, weil sie sonst immer nur Antworten kriegen.

Und diese Fragen sind ungewöhnlich für sie, weil sie sonst immer nur Antworten kriegen.

Sie kriegen von Andrew Tate nur Antworten, sie bekommen von den Lehrpersonen nur Antworten, und von den Eltern. Aber niemand fragt sie, na wie geht's dir jetzt, was geht in dir ab, wie fühlt sich der Körper an, und solche Sachen. Hier kann ein Workshop ein Safer Space sein, im Sinne: Da hört mir wer zu, da nimmt mich wer ernst, da kann ich sagen, was ich will. Und da zeigt sich meist, dass es eigentlich eine sehr große Diversität gibt bei den Jungs.

 

Männer und Buben waren immer das Problem. Heute benennt man es halt, weil jetzt hat man andere Zugänge dazu. Auch Männer kommen ja drauf, dass sie in einem Umfeld aufwachsen, das nicht unbedingt förderlich ist für Empathie und Fürsorge, sondern eher fürs Gegenteil. Aber nichtsdestotrotz:

Wenn man sich jetzt Gewaltzahlen anschaut, dann ist das relativ gleich geblieben. Es sind halt mehr Menschen geworden, also gibt es höhere Zahlen, aber Gewalt wurde immer ausgeübt, und jetzt ist es nicht mehr. Wenig thematisiert wird dabei, dass auch Burschen und Männer viel Gewalt erleben. Da schauen wir kaum hin, weil: Männer sind keine Opfer.

Da schauen wir kaum hin, weil:
Männer sind keine Opfer.

Ein neues Phänomen ist, dass Gewalt heute auch über die Medien zugetragen wird. Und viele ziehen sich das den ganzen Tag rein und können es nicht mehr verarbeiten. Wenn sich das verdichtet, wird dann der Zugang zur Realität ein schwieriger. Ich will da keine Horrovision heraufbeschwören, von wegen verlorene Generation, aber wir müssen mit den Kindern über diese Bilder sprechen.

Ich habe vor 18 Jahren mit der Clownerie angefangen, und bin Teil offener Formate wie den "Salon Sardine" oder "Nicht Fisch, nicht Fleisch" im Theater Olé, wo auch unbekanntere und junge Vertreterinnen der komischen Künste auf der Bühne stehen.

Ich hab als Clown Vieles gelernt, das ich auch bei der Arbeit mit den Jugendlichen umsetzen kann. Also Humor zu verwenden, nicht zur Verbrüderung, sondern um die Dinge entspannter zu sehen, und auch über sich selbst zu lachen.

Ich bin froh, dass wir durch die Arbeit mit POIKA über die Jahre hinweg viele gute Entwicklungen mitgestalten konnten. Minister Mückstein war dann der erste aus dem Kreis der Gesetzgebenden, der das Wort Bubenarbeit vor laufender Kamera in den Mund genommen hat. Mittlerweile stehen wir im Regierungsprogramm, auch in dem der Stadt Wien.

Mittlerweile stehen wir im Regierungsprogramm, auch in
dem der Stadt Wien.

Ich selbst werde in den nächsten Jahren mehr in Richtung Erwachsenenbildung gehen. Bei POIKA höre ich zum Teil auf, bleibe aber vorläufig im Vorstand und auch als Berater in diesem Bereich tätig.

Und solange das Patriarchat bestehen bleibt, bin ich Feminist.

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