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Der Polizei in Graz ist ja total langweilig, in Wirklichkeit. Das war zumindest vor 25 Jahren so. Da sind sie täglich in den Stadtpark gekommen oder auf den Hauptplatz und haben uns schikaniert. Ich hab da teilweise Freunde gehabt, die ein bissel provokanter waren, und die sind dann regelmäßig niedergeschlagen worden, in aller Öffentlichkeit. Und wie es so in unserer Gesellschaft üblich ist: Alle haben weggesehen. Fast alle.

Ich selber bin jemand, der lieber deeskaliert. Einer, der gern hilft und gutherzig ist, das war schon in der Schule so. Ich hab diese soziale Ader und ich bin sehr glücklich darüber. Weil Gutsein tut einem ja selber gut. Das ist meine Erfahrung. Und darum mach ich das heute auch, diese Arbeit als Peer in der Wohnungslosenhilfe. Das heißt: Ich unterstütze Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind wie ich früher.

Diesen Zugang, dass man sich gegenseitig unterstützt, auf Augenhöhe, hab ich eigentlich aus meiner Punk-Zeit in Graz. Wir waren einfach Jugendliche, haben viel Zeit zusammen verbracht und waren füreinander da. Wir haben auch über Probleme geredet, weil die haben wir alle gehabt, jeder hat da seine Geschichten mitgebracht.

Eine von meinen Geschichten war, dass der Lebensgefährte von meiner Mutter bestialisch ermordet wurde, während meine Schwester und ich im Nebenzimmer waren. Da war ich gerade einmal zwölf. Was ist passiert? Alkohol, Diebstahl, Streit. Meine Mutter war Krankenschwester und hatte gerade Nachtschicht. Ihr Partner hat einen Arbeitskollegen mit heimgebracht, ihn dann kurz allein gelassen, und wie er zurückkommt in die Küche, sieht er, dass der ihm die Uhr stehlen will. Also hat es Streit gegeben und, nächster Fehler, es ist gewaltätig geworden. So hat eines zum anderen geführt.

Meine Mutter ist an dieser Geschichte zerbrochen. Sie hat schwere Depressionen bekommen und ist  fünf Jahre später leider verstorben. Ich hab die Schule gewechselt, vom Wirtschaftskundlichen Bundesgymnasium in die Hauptschule, weil ich hab mich nach diesem Vorfall nicht gut konzentrieren können. Ich hab das Polytechnikum gemacht, und war dann beim Bycicle Graz, das ist ein sozialökonomischer Betrieb für Jugendliche. Schließlich hab ich in Fohnsdorf eine Ausbildung zum Elektrobetriebstechniker LAP abgeschlossen.

Ich hab angefangen zu arbeiten, hab meine Freundin kennengelernt, die war aus Wien, und wir sind dann nach Wien, wo sie mit meiner Hilfe eine Gemeindewohnung bekommen hat. Das waren 25 Quadratmeter für zwei Menschen und zwei Hunde. Aber Lebenswege sind oft verschieden: Ich bin um 17 Uhr von der Arbeit gekommen und sie ist gerade erst aufgestanden und wollt mit mir einkaufen gehen, weil ihr langweilig war. Im Endeffekt ist das auseinander gegangen.

Ich hab eine neue Wohnung finden müssen, eine, in der Hunde erlaubt sind, da hat man gleich einmal um 90 Prozent weniger Möglichkeiten. Schließlich bin ich in Wien in einer überteuerten Wohnung gesessen, mit befristetem Mietvertrag, mein Freundeskreis war in Graz, meine Mutter gestorben, mein Vater in Brasilien, die Schwester auch noch in Graz, da ist es vielleicht verständlich, dass es einem nicht so gut geht. Aber leider können das Firmen nicht berücksichtigen:

Wenn du nicht funktionierst, wartet bereits der nächste, der die Arbeit macht, und das sogar noch billiger. Kapitalismus eben. Eine Welt, wo Arschlöcher, die durch ihre Profitgier den Planeten zerstören, auch noch als tolle Menschen hingestellt werden.

Das Recht auf Wohnen ist ein Menschenrecht. Eine Wohnung ist Privatsphäre, und ohne Privatsphäre kann es keiner lang durchhalten. Wenn man nicht selber wohnungslos war, dann weiß man nicht wirklich, was das für ein Stress ist.

 

Wie es ist, auf der Straße zu sein, keinen Platz zu haben, wo man hingehen kann. Oder wie demütigend es ist, auf andere angewiesen zu sein, die einen dann vielleicht noch ausnutzen. Hilfe ja schon, aber nur wenn du zahlst. Und wenn du nicht das tust, was ich sag, dann schleich di. In der Zeit meiner Wohnungslosigkeit hat mein Glaube an die Menschheit massiv gelitten.

Durch die Peer-Ausbildung im Neunerhaus hab ich unter anderem gelernt, mich wieder zu öffnen. Wenn man seine Erfahrungen verarbeitet hat, kann man auch anderen helfen. Ich helfe den Menschen, dass sie das bekommen, worauf sie Anspruch haben. Ich begleite jemanden zum Arzt, ich helfe bei den Behörden, beim Ankommen in der neuen Wohnung, beim Möbelaufbau. Oder auch nur mental, mit Gesprächen.

Es geht uns Peers aber auch darum, in der Gesellschaft Empathie zu bewirken. Ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass alle wohnen müssen, und dass ein Wohnungsverlust jeden treffen kann. Oder zum Beispiel klar zu machen, was für eine Gefahr ein befristeter Mietvertrag sein kann. Wenn ich heute in eine leistbare Wohnung einziehe, und die ist befristet auf zehn Jahre, dann weiß ich jetzt schon, dass ich mit den Wohnungspreisen in zehn Jahren klarkommen muss. Und so wie sich der Wohnungsmarkt entwickelt, heißt das: Nach zehn Jahren muss ich da raus und kann mir keine Wohnung mehr leisten.

Was schön wäre: Wenn man Menschen die Möglichkeit gibt, sich rechtzeitig Hilfe zu holen, und man nicht erst dann die Chance hat, eine leistbare Wohnung zu bekommen, wenn man schon obdachlos ist, oder wohnungslos.

rené

LESEZEIT: 03-05 min

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