richard
LESEZEIT: 07-09 min
Die Jäger wollten die Leute immer schon aus dem Wald haben, vor allem uns Pilzsammler. Und so hab ich im Laufe meines Lebens viele Konflikte mit ihnen ausfechten müssen, auch vor Gericht, vor allem gegen unsinnige Sammelverbote und -einschränkungen. Dabei bin ich selbst im Haus eines Jägers aufgewachsen.
Geboren bin ich in Eberndorf in Kärnten, Hausgeburt, als ältestes von vier Geschwistern. Und mein Vater war Jäger, Fischer und Gemeindesekretär, in dieser Reihenfolge, was die Wichtigkeit für sein Leben betrifft.
Er hat mich schon sehr früh auf die Jagd mitgenommen. Es hat mich die Jagd nicht besonders interessiert, aber die Gesellschaft meines Vaters hat mir immer gefallen, und er hat auch eine Jagdhütte gehabt, da haben wir zwei dann manchmal übernachtet, auch gekocht. Und wir haben Pilze gesammelt, verschiedene. Das hat mir getaugt.
Ende der 1950er Jahre hat das
kommerzielle Pilzesammeln in Kärnten und in Österreich begonnen.
Ende der 1950er Jahre hat das kommerzielle Pilzesammeln in Kärnten und in Österreich begonnen. Ich war so zehn, elf Jahre alt, als bei uns in Eberndorf eine Sammelstelle eingerichtet wurde, und da hab ich für ein Kilo Eierschwammerln so vier, fünf Schilling verdient.
Mit 14 bin ich dann in den Sommerferien Pilzkisten tragen gewesen bei meinem Onkel. Der hat ein Kaufhaus gehabt und eine Sammelstelle betrieben, aber auch von den umliegenden Sammelstellen, von Hüttenberg bis Murau hinauf, die Schwammerln abgeholt, und zum Kärntner Pilzexport im Zollfeld gebracht. Dort sind aus den Eierschwammerln Pfifferlinge geworden und die wurden dann nach Deutschland exportiert.
Mit 18 habe ich in Graz begonnen, Mathematik und Philosophie zu studieren, und im Sommer als Fahreinkäufer beim Kärntner Pilzexport gearbeitet. 1970 war ein gutes Schwammerljahr, da hab ich allein 92 Tonnen Eierschwammerln eingekauft und abgeliefert. Nach drei Saisonen wollte ich einen besseren Vertrag, da hat der Chef gemeint, er ist keine Versorgungsstelle für gescheiterte Studenten, und in meinem Zorn hab ich mich dann selbstständig gemacht.
Nach drei Saisonen wollte ich einen besseren Vertrag, da hat der Chef gemeint, er ist keine Versorgungsstelle für gescheiterte Studenten, und in meinem Zorn hab ich mich dann selbstständig gemacht.
Ich hab da teilweise auch selber die Pilze nach Deutschland transportiert. Das war nur möglich mit Hilfe von heute verbotenen Substanzen zum Wachbleiben, zum Beispiel mit Captagon. Vor der Grenze dann Augentropfen, weil da hast sehr rote Augen gehabt nach 20 Stunden Fahrt. Aber es war natürlich klar, dass ich das nicht die ganze Saison allein machen kann, und so hab ich Studienkollegen von mir angeheuert. Das ist ganz gut gelaufen. Und so bin ich auch, nachdem ich das Studium abgeschlossen hab, Schwammerlhändler geblieben.
Das erwerbsmäßige Pilzsammeln war vor allem für die Ärmeren im ländlichen Raum ein willkommener Nebenverdienst.
Das erwerbsmäßige Pilzsammeln war vor allem für die Ärmeren im ländlichen Raum ein willkommener Nebenverdienst. Als ich begonnen hab, waren die meisten Sammelstellen bei den Kaufleuten im Dorf. Viele Sammlerinnen haben beim Kaufmann ein Büchl gehabt, das heißt, sie haben dort über den Winter Schulden gemacht und die dann im Sommer mit den Schwammerln abbezahlt. Das Wort Schwammerlbrocker ist eher abwertend verwendet worden.
Das Pilzsammeln war also etwas für die sozial benachteiligte Schicht. Als zum Beispiel im Judenburger Raum eine große Firma für Elektrogeräte Pleite gegangen ist und ein paar Tausend Leute ihre Arbeit verloren haben, ist das Schwammerlaufkommen in diesem Gebiet extrem gestiegen. Anders gesagt: Viele Arbeitslose haben die Möglichkeit genutzt, mit dem Sammeln etwas dazu zu verdienen.
Sammelstellen hat es in Salzburg, Kärnten und in der Steiermark gegeben. Wir haben rund 200 Sammelstellen gehabt. Ich schätze, es hat in der Hochzeit zwischen 1970 und 1975 in Österreich zirka 1.000 Sammelstellen gegeben. Allein in Weitensfeld, also in einem relativ kleinen Ort in Kärnten, waren damals 14 Sammelstellen, da sind alle sieben Firmen, die damals in Kärnten eingekauft haben, dort vertreten gewesen. Das heißt, es haben zehntausende Menschen im Sommer einen guten Nebenverdienst gehabt.
Diese ganze Sammelwirtschaft ist dann mit der Ost-Öffnung zusammengebrochen, ziemlich auf einen Schlag, weil mit einem Mal der Preis total verfallen ist. Die Russen haben damals sortierte Ware in Holzkisten für 3 Euro 50 das Kilo nach Wien geliefert, ganze Sattelschlepper. Da hast du die österreichischen Schwammerln, selbst wenn sie dir wer im Lungau geschenkt hätte, nicht um diesen Preis nach Wien bringen können.
Im Jahr 1972, als ich mich selbstständig gemacht hab, da hab ich, weil ich the new kid on the block war, den Pflückern ein bissel mehr zahlen müssen als meine Kollegen, damit ich in den Markt komm: Das waren damals für ein Kilo Eierschwammerln 100 Schilling, da hat das Bier noch 3 Schilling 50 gekostet, das heißt, für ein Kilo Eierschwammerl hast du fast 30 Bier gekriegt. Als ich mit den Sammelstellen in Österreich aufgehört hab, da hab ich für das Kilo Eierschwammerl 3 Euro 50 gezahlt, da hast du dann höchstens ein Bier dafür gekriegt.
Vor der Forstgesetznovelle von 1975 war es immer im Gutdünken des Grundbesitzers, ob du sammeln darfst. Das Bistum Gurk hat zum Beispiel für 30 Schilling Pflückerscheine verkauft, damit durftest du den ganzen Sommer lang sammeln. Auch mit dem Fürst Schwarzenberg haben wir ein Abkommen gehabt, dass wir von Murau aufwärts sammeln dürfen. Oder mit der Schweizer Holzfirma, welche die ganze Saualm besessen hat: Wenn die Herren aus der Schweiz Mitte September in der Hirschbrunftzeit zur Jagd gekommen sind, mussten wir aus den Wäldern verschwunden sein.
Und dann hat es natürlich die Besitzer gegeben, die dich überhaupt nicht in den Wald gelassen haben, die haben in sieben Sprachen Tafeln aufgehängt: Pilze pflücken verboten. Das hat sich mit der Forstgesetznovelle von 1975 geändert, seitdem gilt die sogenannte Wegefreiheit: Jeder und jede darf nun jederzeit einen Wald betreten und auch Pilze und Beeren sammeln, außer es werden gerade forstwirschaftliche Arbeiten durchgeführt, die diese Waldbesucher gefährden.
Jeder und jede darf nun jederzeit einen Wald betreten und auch Pilze und Beeren sammeln, außer es werden gerade forstwirschaftliche Arbeiten durchgeführt, die diese Waldbesucher gefährden.
Das Gesetz hat natürlich nichts daran geändert, dass die Jäger die Leute aus dem Wald haben wollten. Nun ist das Forstgesetz ein Bundesgesetz, der Landesgesetzgeber kann nur naturschutzrechtlich vorgehen. Also haben ein paar Bundesländer auf Drängen der Jägerlobby, mit Kärnten als Vorreiter, in den letzten Jahrzehnten diverse Pilzschutzgesetze erlassen, die im Grunde Jägerschutzgesetze sind. Die unsinnigsten davon habe ich erfolgreich vor Gericht bekämpft: Zum Beispiel, dass die Eierschwammerln geschützt werden müssten, weil sie vorm Aussterben bedroht seien, was keinerlei wissenschaftliche Grundlage hat, oder das Verbot, in Kärnten Schwammerln zu lagern oder auch nur durchzuführen.
Ein weiterer Versuch, Sammelverbote zu rechtfertigen, war das Erfinden einer Italienischen Pilz-Mafia, die unsere heimischen Wälder leerpflücken würde.
Ein weiterer Versuch, Sammelverbote zu rechtfertigen, war das Erfinden einer Italienischen Pilz-Mafia, die unsere heimischen Wälder leerpflücken würde. Dieser Mythos hat sich bis heute gehalten, auch dank von Medien wie der Kronen-Zeitung, die Jahr für Jahr Anfang August denselben reißerischen Artikel über die angeblichen Pilzräuber aus dem Süden verbreitet. So gut wie nichts von dem, was da berichtet wird, stimmt. Es ist diese typische Sündenbock-Geschichte. Es ist wie in diesem Cartoon: Ein Banker, ein syrischer Flüchtling und ein Arbeitsloser sitzen bei Tisch, auf dem ein Teller voller Kekse steht, der Banker steckt alle ein bis auf eines und sagt dann zum Arbeitslosen: Pass auf, dass dir der Syrer das Keks nicht wegnimmt.
Einmal bin ich beim Schwammerlliefern eingeschlafen und hatte einen lebensgefährlichen Unfall. Ich hatte eine schwere Kopfverletzung und deswegen haben sie die Beine längere Zeit nicht operieren können. Ich bin da in der Sommerhitze sieben Wochen lang in so einer Haltevorrichtung fixiert gewesen, hilflos wie eine Schildkröte am Rücken, damit die Knochen nicht zusammenwachsen. Ich hab also viel Zeit zum Nachdenken gehabt. Das hat schon etwas mit mir gemacht.
Mein Interesse für den Schamanismus ist erst später geweckt worden, als ich versucht habe, einen größeren Sinn in meinem Beruf zu finden, der ja vom Sozialprestige nicht viel hergegeben hat. Ich hab begonnen, mehr über Pilze herauszufinden, und bin so auf die Schamanen gestoßen, die den Fliegenpilz für Trance-Reisen verwendet haben. Also hab ich das auch probiert.
Ich hab begonnen, mehr über Pilze herauszufinden, und bin so auf die Schamanen gestoßen, die den Fliegenpilz für Trance-Reisen verwendet haben. Also hab ich das auch probiert.
Dazu ein lustiges Erlebnis: Ich hatte gerade keine Zeit und hab einen Sammler in Friesach gesagt, ich zahl dir für Fliegenpilze so viel wie für Eierschwammerln. Und was glaubst: Hat er mir 20 Kilo Fliegenpilze gebracht. Die hab ich in Steigen in die Sonne gelegt, zum Trocknen. Und da ist ein Bauer vorbeigekommen, weil es war da auch die Milchsammelstelle, und wie er die vielen Fliegenpilze gesehen hat, hat er sich bekreuzigt, ist in sein Auto gesprungen und mit Vollgas davon gefahren.
Ich hab also viel mit dem Fliegenpilz herumexperimentiert und ich muss sagen, mit mäßigen Erfolg. Du bekommst ungefähr für zwanzig Minuten einen beschleunigten Puls, schwitzt ein bissel, und sonst ist nix. Optische Effekte fast gar keine.
Ich war dann später bei Schamanismus-Workshops im berühmten Esalen-Institut in Kalifornien und hab dort Psillos kennengelernt. Das war dann schon eine andere Dimension. Da ist mir zum Beispiel der Papst in seiner weißen Soutane auf einem Hupfball entgegen gekommen und die Hörner von diesem Hupfball waren große fette Würmer, so schiache fette Pilzmaden. Über dieses Bild hab ich mich sehr zerkekst.
Heute bin ich selbst Jäger. Aber ich betreibe die unblutige, vegetarische, stille Jagd. Vielleicht ist es ein bisschen Rache an den richtigen Jägern, dass ich jetzt auf meiner Visitenkarte "Trüffeljäger" stehen habe.
Lange hat es geheißen, in Österreich gibt es keine Trüffel, aber meine Trüffelhunde finden überall welche.
Lange hat es geheißen, in Österreich gibt es keine Trüffel, aber meine Trüffelhunde finden überall welche. Selbst rund um mein Elternhaus in Eberndorf. Die Fundorte gebe ich in die Pilzdatenbank der Österreichischen Mykologischen Gesellschaft ein, die ist öffentlich, da hat jeder Zugriff. Ich find, so etwas Gutes wie Trüffeln sind für alle da, nicht nur für die Reichen.














