sitayesh
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Das Fledermaushaus hier gibt es noch nicht lange. Das ist errichtet worden für Menschen, die sich in der Höhe wohl fühlen. Und die auch beim Reden was brauchen, damit sie überschüssige Energie abbauen. Bei mir ist es zum Beispiel so, dass ich mit den Beinen zittere.
Das Fledermaushaus ist letztes Jahr mein Rückzugsort gewesen. Ich hab eine Drogensucht gehabt, und bin mit anderen Drogenabhängigen oft zum Konsumieren hergekommen.
Das Fledermaushaus ist letztes Jahr mein Rückzugsort gewesen. Ich hab eine Drogensucht gehabt, und bin mit anderen Drogenabhängigen oft zum Konsumieren hergekommen. Die Polizei lässt uns hier in Ruhe. Es ist für Menschen, die runterkommen und rauszoomen wollen.
Es gibt viele Überwachungskameras hier, ja, aber es gibt auch dead spots, wo man hingehen kann, wenn man was konsumieren will.
Mein Beinzittern hängt mit der Psyche zusammen. Ich hab ziemlich früh Depressionen und Persönlichkeitsstörungen entwickelt, und es hat sich herausgestellt, dass das Beinzittern da dazugehört. Man kann auch sagen, dass ist einfach für mich persönlich, damit ich spür, dass ich noch da bin.
Dass ich noch da bin, ist ein mehrfaches Glück. Ich bin 2008 in Bamiyan in Afghanistan geboren. Ich war das dritte Kind, aber schon das zweite Mädchen, also hat der Arzt nach meiner Geburt meine Eltern gefragt, ob er mich verschwinden lassen soll. Mein Opa hat mir das erzählt. Ich hab eine sehr starke Bindung zu meinem Opa gehabt.
Die Sache ist die: Buben bringen Glück und Erfolg, Mädchen Schande und Unglück, so sagt die Tradition in Afghanistan. Aber es gibt keine Ultraschall-Untersuchungen vor der Geburt, zumindest damals gab es die nicht, also weiß man erst bei der Geburt das Geschlecht des Kindes. Und weil Mädchen unerwünscht sind, werden sie oft gleich nach der Geburt umgebracht und entsorgt. Oder sie werden als junges Mädchen verkauft, für Schafe, für ein Stück Land. Wäre ich heute noch in Afghanistan, hätte ich mit meinen 17 Jahren wahrscheinlich schon drei, vier Kinder, und wär mit einem älteren Mann verheiratet.
Wäre ich heute noch in Afghanistan, hätte ich mit meinen 17 Jahren wahrscheinlich schon drei, vier Kinder, und wär mit einem älteren Mann verheiratet.
Ich hatte also Glück, dass ich in eine Familie geboren wurde, wo die Männer zu den Frauen stehen. Mein Opa war einer davon, mein Vater ist der zweite.
Sechs Monate nach meiner Geburt, wurde mein Vater von den Taliban entführt, weil er im Callcenter von der UNO gearbeitet hat. Er wurde gefoltert, ihm wurde ins Gesicht getreten und all das, und einige in der Familie haben mir die Schuld gegeben dafür, weil es nach meiner Geburt passiert ist, also habe ich Unglück über die Famile gebracht.
Mein Vater konnte fliehen und hat es mit Hilfe von Schleppern bis nach Österreich geschafft. Wir, meine Mutter und meine Geschwister waren dann auch ständig auf der Flucht und versteckt, also innerhalb von Afghanistan, weil wir damit rechnen mussten, dass die Taliban nach uns suchen und uns umbringen.
Mein Vater konnte fliehen und hat es mit Hilfe von Schleppern bis nach Österreich geschafft. Wir, meine Mutter und meine Geschwister waren dann auch ständig auf der Flucht und versteckt, also innerhalb von Afghanistan, weil wir damit rechnen mussten, dass die Taliban nach uns suchen und uns umbringen.
2013 hat uns mein Vater schließlich nachholen können, im Rahmen der Familienzusammenführung. Wie mein Vater uns in Wien am Flughafen abgeholt hat, hab ich ihn nicht erkannt. Er hat damals als Tellerwäscher gearbeitet und eine Ausbildung zum Pflegefachassistenten gemacht.
Wir haben in Goldegg in Pongau gelebt, in einer ziemlich kleinen Wohnung in einem katholischen Pfarrhaus. Ich bin in den Kindergarten gekommen und konnte kein Wort Deutsch. Ich habe nichts verstanden und es hat sich schrecklich angefühlt. Auch in der Volksschule ging es mir sehr schlecht: Ich wurde oft ausgelacht und gemobbt. Das war für mich alles sehr schmerzhaft. Ich hab ein Foto aus dieser Zeit: Dieses kleine, eingeschüchterte Mädchen da, mit der zu großen Brille, das bin ich.
Ich hab ein Foto aus dieser Zeit: Dieses kleine, eingeschüchterte Mädchen da, mit der zu großen Brille, das bin ich.
Ich hab Förderkurse für Deutsch bekommen, aber ich hab das meiste selber gelernt Ich hab mich durchgebissen, weil ich nicht als ein dämliches Kind dastehen wollte.
Als ich neun war, hat ein Bekannter unserer Familie begonnen, mich sexuell zu betatschen. Er war zirka 35 zu dieser Zeit. Ich wusste damals nicht, was er da macht. Ich hab versucht, es meiner Mutter zu erklären, aber die hat gesagt: Ach, Blödsinn.
Als ich zirka zehn war, hat mein Vater bemerkt, dass ich Störungen habe. Zum Beispiel hab ich aus dem Fenster gestarrt, ohne zu blinzeln, ohne mich zu rühren. Und das nicht kurz, sondern wirklich eine halbe Stunde, eine dreiviertel Stunde lang. Was siehst du da draußen, hat mein Vater gefragt. Und ich: Da sind schwarze Gestalten, die mich anstarren, und ich starre zurück, und ich hör diese Stimmen. Er hat mich sofort zum Psychiater gebracht, und zu allen möglichen Stellen hingezerrt.
Mit zirka elf oder zwölf Jahren bin ich das erste Mal in eine Psychiatrie gekommen, in eine psychiatrische Klinik für Kinder und Jugendliche in Schwarzach.
Ich hab zu dieser Zeit auch eine Zwangsstörung gehabt, dank diesem Typen, der mich jahrelang sexuell belästigt hat. Ich hatte die Zwangsstörung, mich sexuell zu befriedigen, obwohl ich es nicht wollte. Ich hatte den Drang, Kinderpornografie zu machen. Und hab die auch weitergeschickt. An Männer aus dem Internet. Ich war jung und naiv und hab denen geglaubt, dass sie erst sechszehn sind.
Einen davon haben sie später festgenommen, der war über 50 und hat das anscheinend mit mehreren Mädchen so gemacht. Das alles war damals extrem peinlich für mich.
Den Bekannten, der mich so lange belästigt hat, den hab ich erst vor ein, zwei Jahren angezeigt, da hab ich mich endlich dazu überwunden.
Jedenfalls war ich mehrmals in der Psychiatrie, weil ich hab auch angefangen, mich zu ritzen und mir auf verschiedenste Weise weh zu tun. Ich hab oft an meinen Beinen gekratzt bis sie offen waren, deswegen hab ich die Narben an den Beinen. Und ich hab oft gegen Wände geschlagen, deswegen sind meine Handknöchel deformiert.
Ich war auch gegen andere aggressiv und bin einmal sogar mit Fuß- und Handschellen in die berüchtigte Psychiatrie Mauer in Amstetten gebracht worden, in die geschlossene Abteilung.
Hättest du mich vor einem Jahr kennen gelernt, hättest du wahrscheinlich gleich gedacht: Ich halte lieber Abstand. Ich war psychisch extrem instabil: Ich konnte in einer Sekunde von happy auf komplett depressiv runterstürzen oder aggressiv werden. Und ich hatte diese dissoziativen Krampfanfälle: Ich schau dich an und es wirkt so, als wär ich da, aber ich bin nicht da, ich erstarre und ich krampfe und ich habe Zuckungen wie bei einem epileptischen Anfall.
Diese Krampfanfälle sind wahrscheinlich der Hauptgrund dafür, dass ich mit den Drogen aufgehört habe, dass ich selber den Entzug geschafft habe, weil: So will ich nicht leben, ich will mein Leben in den Griff bekommen.
Beim Entzug geholfen haben mir auch eine Freundin und ihre Familie, vor allem ihre Dobermänner. Mein Ex-Freund und ich hatten einen Cane Corso, einen italienischen Hirtenhund. Ich liebe diese starken Hunde, weil sie mich vor Männern beschützen können.
Mein Ex-Freund und ich hatten einen Cane Corso, einen italienischen Hirtenhund. Ich liebe diese starken Hunde, weil sie mich vor Männern beschützen können.
Wir sind vor vier Jahren von Salzburg nach Niederösterreich gezogen. Mein Vater hat seine Diplomarbeit geschafft und arbeitet jetzt als diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger. Ich bin sehr stolz auf ihn. Und ich bin glücklich, dass er mich immer unterstützt hat. Er hat mich oft gewarnt, hat gesagt, das ist nicht der richtige Weg. Aber er hat mich auch über den einen und anderen Stein stolpern lassen, damit ich was daraus lerne. Ich bin ja ein ziemlicher Dickkopf gewesen. Teenager eben. Aber ich war nicht immer selber schuld.
Ich bin vor einem Jahr in einer Schulung gewesen, für Jugendliche mit Einschränkungen, da bin ich auf die Metallbranche gestoßen, und ich hab mich verliebt in den Metall- und Maschinenbau.
Ich bin vor einem Jahr in einer Schulung gewesen, für Jugendliche mit Einschränkungen, da bin ich auf die Metallbranche gestoßen, und ich hab mich verliebt in den Metall- und Maschinenbau. Das ist mein großer Traum, und bei "Qualify for Hope" helfen sie mir jetzt, die Schritte dorthin zu machen. Der nächste Schritt ist eine GW, eine Geschützte Werkstatt in St. Pölten. Die ist für Jugendliche mit Einschränkungen. Wenn ich das erste Jahr schaffe, kann ich dann die komplette Lehre machen mit Berufsschule und Lehrabschluss. Und wenn ich dann noch die Matura nachhole, kann ich auch den Meister machen. Das sind die großen Ziele. Ich versuche jetzt einmal, in kleinen Schritten voran zu kommen.




























