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Hier im Wasserwaldstüberl sind gemütliche Leute. Zu 90 Prozent sag ich mal. Da lassen sich ein paar Stunden verbringen, ich mag das Ambiente. Ich wohne hier auch in der Nähe. Früher bin ich oft im Wasserwald spazieren gegangen, als ich noch in einer teilbetreuten Wohngemeinschaft für ehemals Obdachlose gelebt habe. Da brauchte ich öfters Abstand.

 

Ich bin gelernte Verkäuferin. Vor einem Monat habe ich eine weitere Ausbildung abgeschlossen, Alltagsbegleitung in der Behindertenbetreuung nennt man das. Außerdem schreibe ich bei der Kupfermuckn und verkaufe die Zeitung auch. Das macht mir Spaß. Seit drei Jahren schreibe ich meine Memorien, sozusagen, über mein Leben auf der Straße. Das ist eine harte Geschichte. Was ich alles erlebt habe! Es ist eine Art Aufarbeitung.

 

Meine Mutter hat mich mit 19 Jahren auf die Straße gestellt. Sie meinte, ich bin schwer depressiv und hat mich in die Psychiatrie eingewiesen. Ich habe am dritten Tag einen Revers unterschrieben. Ich geh nach Hause, mich interessiert das nicht, habe ich gesagt. Ich hatte schon zwei Kinder, im Alter von eineinhalb Jahren und mit einem halben Jahr. Als ich vor ihrer Tür gestanden bin, meinte sie, du gehst zurück oder du kannst dich schleichen. Ich wollte nicht ins Spital zurück und ich habe den Weg der Straße gewählt.

 

Mit 19 ist man halt ein wenig naiv, ich dachte, ist eh alles eitle Wonne und ich finde da bald wieder raus. Es hat aber relativ lange gedauert. Ich hatte kein Geld und habe lange vom Schnorren gelebt.

 

Zuerst bin ich immer irgendwo untergekommen und dann bin ich doch mal in die Notschlafstelle gegangen. Dort habe ich meinen späteren Mann kennengelernt, er war 28 Jahre älter als ich.

 

Wir sind in eine Garconniere der Sozialorganisation B37 gezogen und haben sogar geheiratet. Der Kontakt zu den Kindern und zu meinen Eltern war damals relativ gut. Einmal im Monat durfte ich sie sehen. Also, es war alles mal ganz gut.

 

Wir haben dann eine Genossenschaftswohnung bekommen, irgendwie ist da aber der Hund von Anfang an drin gewesen. Wir konnten die Miete nicht mehr zahlen und wurden delogiert. Der Kreislauf hat wieder von vorne angefangen. Wir haben uns durchgefrettet, zumindest hatten wir Arbeitslosengeld und Sozialhilfe.

 

Ich habe im B37 Hausverbot bekommen, weil ich eine Schlägerei mit einer Dame hatte, die mich übel beschimpft hat. Der Alkoholpegel war hoch und ich habe ihr in die Gosch‘n gehaut. Eine Mitarbeiterin habe ich auch noch beschimpft. Eigentlich habe ich ihr nur die Wahrheit gesagt, aber das hat sie nicht vertragen. Das Hausverbot wurde auf Lebenszeit ausgesprochen, aber es wurde dann eh wieder aufgehoben.

 

Es war nicht immer alles zum Besten, aber ich bin über die Runden gekommen. 2007 ist leider mein Mann schwer erkrankt und ich habe gemerkt, dass es auch bei mir gesundheitlich bergab geht. Er hatte Leberzirrhose und ist im Dezember gestorben. Ich war auch etliche Male im Spital, man fand zuerst nicht, was es ist. Ich hatte extreme Kopfschmerzen, schließlich wurde 2008 Krebs diagnostiziert. Es hat nicht sehr gut ausgesehen, Lymphdrüsenkrebs, nicht operabel. Ich habe eine hohe Dosis Morphium gegen die Schmerzen bekommen und eine Magensonde. Durch die Chemotherapie konnte ich nicht einmal Leitungswasser trinken, das war wie Feuer. Ich habe 30 Kilo abgenommen und hatte keine Haare mehr.

 

Erst 2009 habe ich mich wieder ein wenig erholt. Die sechste Chemo musste ich nicht mehr machen. Die Magensonde wurde wieder entfernt und ich bekam hochkalorische Astronautenkost, um wieder einigermaßen auf die Beine zu kommen.

 

Ich bin am rechten Ohr komplett taub, mein rechtes Aug ist die meiste Zeit geschlossen. Wenn die Sonne frontal drauf scheint, tut es weh. Einen Tinnitus hat er mir auch dagelassen, der Krebs, damit es nicht fad wird. Aber sonst geht es mir gut.

 

Über B37 habe ich dann einen Platz in einer Wohngemeinschaft bekommen. In Italien war ich auf Klientenurlaub und habe meinen jetzigen Freund kennengelernt. Das hat gepasst. Ich habe mir eine eigene kleine Wohnung genommen, ich bin damit freier. Wenn wir streiten, kann ich heimfahren in meine Wohnung. Es geht uns gut, obwohl auch mein Freund gesundheitlich angeschlagen ist.

 

Vor neun Jahren hat sich mein Großer im Alter von 16 Jahren das Leben genommen. Meine Mutter hat es für nicht notwendig empfunden, mich zum Begräbnis einzuladen. Ich habe es erst im Nachhinein erfahren. Das war schlimm. Ich weiß nicht, warum er sich umgebracht hat, ich weiß nicht wie. Ich hatte mit den Kindern nach dem Krebs guten Kontakt gehabt, aber mit der Mutter nicht. Mit dem zweiten Sohn, er wird heuer 25, habe ich über Facebook sporadisch Kontakt. Ich weiß nicht, was ihm meine Mutter alles erzählt hat, wie viel Blödsinn.

 

Wenn man nicht weiß, wie es weitergeht, ist es belastend. Dass es meinem Freund nicht gut geht, ist auch schwierig. Manchmal würde ich mich am liebsten unter ein Fassl Bier legen und alles reinrinnen lassen. Ich habe eine gute Freundin in Horn, die ich anrufen kann. Da telefonieren wir eben eineinhalb Stunden, das tut auch gut.

 

Wenn ich drei Stunden am Computer Karten spiele, holt mich das runter. Oder Gespräche helfen.

 

Und Schreiben hilft mir auch sehr. Denn mitten in der Nacht, wenn das Radl rennt, hat keiner eine Freude, wenn man anruft.

 

Oder ich brauch mal einen Auslauf und geh eine Runde. Oder ich steck mir Kopfhörer in das Ohr und dann gibt’s mal Vollgas Musik.

Und ich bin Fußballfan, aber nicht von Italien, sondern Blau-Weiß-Linz, nicht LASK, ganz sicher nicht LASK. Derzeit interessiere ich mich aber mehr für Eishockey. Die Fans gehen freundlicher miteinander um als beim Fußball. Die Black Wings haben heuer aber gar nichts zusammengebracht.

LESEZEIT: 07-09 min

sonja t

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