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LESEZEIT: 08-10 min

verena

Eigentlich müssen wir uns fragen: Warum hat jemand in dieser Welt kein Problem? Wie kann da jemand nicht krank werden? Wie kann jemand das gut finden, diese Isolation, diesen Konsumismus, diese Individualisierung, die Zerstörung von Gemeinschaften?

Ich definiere mich als Suchtkranke in einem Suchtsystem, weil ich halte das kapitalistische Patriachat für ein Suchtsystem. Ich engagiere mich heute in diversen 12-Schritte-Gruppen, vornehmlich bei den Anonymen Alkoholikern, aber auch bei der Selbsthilfegruppe für Menschen, die in alkoholkranken und dysfunktionalen Familien aufgewachsen sind, und bei der Gruppe für Anonyme Sex- und Liebessüchtige. Eigentlich bin ich hauptberuflich mit meiner Genesung beschäftigt.

Meine Herkunftsfamilie war jetzt nicht irgendwie auffällig, sondern eine ganz normale dysfunktionale Familie eben. Dysfunktional wie die Gesellschaft eben.

Meine Herkunftsfamilie war jetzt nicht irgendwie auffällig, sondern eine ganz normale dysfunktionale Familie eben. Dysfunktional wie die Gesellschaft eben. Um mich von meinen Depressionen und Angststörungen abzulenken, habe ich viel für die Schule gelernt. Und ich hab mich in meine Fantasiewelt zurückgezogen.

 

Ich war eigentlich permanent allein. Zu meinen Eltern habe ich fast gar keinen Kontakt gehabt. Ich hab dann frühzeitig aufgehört, mit ihnen zu sprechen. Es war überhaupt kein emotionaler Bezug da, null.

Ich bin in Kärnten aufgewachsen, in der Nähe vom Wörthersee. Damals hat es sehr viel Tourismus gegeben und mit 14 war ich das erste Mal erwerbsarbeitstätig, beim Nachbarn, als Kellnerin. So im Mittelpunkt zu stehen und fremden Leuten etwas verkaufen, das war für mich purer Stress. Und da hab ich schon damals Rumkugeln gebraucht, um das zu bewältigen. Das war sozusagen mein Einstieg als Alkoholikerin.

Der Alkohol war dann auch in der Schulzeit mein Bewältigungshelfer. Ich bin in Klagenfurt auf die Berufsbildende Höhere Schule gegangen, mit Kochen und Hauswirtschaftslehre als zentrale Gegenstände.  Da hab ich auch das erste Mal Kontakt zu einer Psychiaterin gehabt, und die hat mir Benzodiazepine verschrieben, nur in einer geringen Dosis. Das hat mein damaliger Freund gesehen, mein erster Freund, und gemeint, ich soll die Finger davon lassen, weil er war abhängig.

Meine Benzos hat er sich selbst unter den Nagel gerissen. Er hat mich so irgendwie vor den Benzos gerettet, aber ich bin dafür Alkoholikerin geworden und dann später doch auch medikamentenabhängig, von den Antidepressiva, zu denen mir die Ärzte immer wieder gesagt haben: Nein, das macht nichts, das können Sie ruhig schlucken.

Und dann später doch auch medikamentenabhängig, von den Antidepressiva, zu denen mir die Ärzte immer wieder gesagt haben: Nein, das macht nichts, das können Sie ruhig schlucken.

 

Nach der Matura war ich neun Monate in Frankreich, als Aupair, da hab ich auch laufend getrunken, weil ich Angst gehabt hab, mich in der Gastfamilie zu zeigen oder Fehler zu machen. Ich hab so auch nie richtig Französisch gelernt.

Nach Paris bin ich nach Graz gegangen, und hab Kunstgeschichte und Pädagogik studiert. Kunstgeschichte, weil ich mich dabei gut verstecken konnte in den verdunkelten Hörsälen. Eigentlich hätt ich gern Sprachen studiert.

Nach dem Studium war ich laufend auf Arbeitssuche. Ich hab als Fahrerin im Geldtransport gearbeitet, dann als Paketzustellerin.

Nach dem Studium war ich laufend auf Arbeitssuche. Ich hab als Fahrerin im Geldtransport gearbeitet, dann als Paketzustellerin. Ausbildungsadäquat beschäftigt war ich nur in der Neuen Galerie, aber auch nur mittels Praktika und geringfügig. Drei Jahre lang in einem Reisebüro, das war meine längste Erwerbstätigkeit. Weiters war ich in einer Rechtsanwaltskanzlei beschäftigt, Pizzazustellerin, Objektbewacherin, Portierin.

Ich hab mich mit Hilfe des Alkohols so durchlaviert, von Montag bis Freitag, und mich eigentlich nur aufs Wochenende gefreut, wo ich mich wegsprengen konnte. 2012 war meine letzte Erwerbstätigkeit. Da sollte ich Kunden animieren, eine bestimmte Makler-Software zu benutzen. Nach drei Monaten hatte ich einen totalen Absturz. Das war der Anlass, um eine Alkohol-Entwöhnung machen. Und 2013 kam dann das Kind, mit einem Tablettenentzug während der Schwangerschaft, der war die Hölle.

Mit dem Kind ist die komplette Isolation eingetreten. Da hat es geheißen: Ein Kind gehört zur Mutter, und die Mutter gehört in die Isolation, also sie bleibt zu Hause.

Mit dem Kind ist die komplette Isolation eingetreten. Da hat es geheißen: Ein Kind gehört zur Mutter, und die Mutter gehört in die Isolation, also sie bleibt zu Hause. Das hat mir damals auch der Kindsvater so gesagt: Das Kind gehört zur Mutter. Wir haben zwar zusammengelebt, aber er hat natürlich seinen Rückzug gebraucht nach der Arbeit, da durfte er nicht gestört werden. Für ihn ist das Leben einfach so weitergegangen wie vor der Geburt des Kindes.

Da ich mich während des Tablettenentzugs umbringen wollte, hatte ich anfangs das Jugendamt am Hals. Die sind vorbeigekommen, um zu kontrollieren, ob ich das Flascherl richtig halte, ob ich das Kind richtig wickle, und so. Ob es zu dem Kind auch einen Vater gibt, der vielleicht helfen könnte, wurde nie gefragt.

Ob es zu dem Kind auch einen Vater gibt, der vielleicht helfen könnte, wurde nie gefragt.

Dass die Einsamkeit für eine Kindesmutter ein Problem werden kann, das war mir vorher nicht bewusst. Und erst als ich mich mit dem Feminismus auseinandergesetzt hab, hab ich gesehen: Das ist in dieser Gesellschaft normal und liegt nicht an mir.

 

Als das Kind sieben war, und ich bei seiner Geburtstagsparty wieder einmal alles allein bewerkstelligen musste, weil der Partner nur beim Küchentisch sitzt und die Zeitung liest, hab ich beschlossen, ich ziehe aus. So war ich dann offiziell Alleinerzieherin und das war etwas besser als vorher in der Partnerschaft: Ab da hat er jedes zweite Wochenende das Kind genommen, und ich hab jetzt wenigstens zwei Mal im Monat ein Wochenende für mich gehabt, was vorher nie möglich war.

Letztens war ich bei der politischen Fragestunde im Grazer Rathaus und da musste ich feststellen, dass eigentlich alle Parteien bis auf die KPÖ im Grunde der Meinung sind, dass man Männer nicht zur Sorgeverantwortung zwingen könne. Das geht nicht. Obwohl wir hier in Österreich das europäische Schlusslicht bei der Väterkarrenz sind, gibt es nach wie vor ein klares Bekenntnis zur Männerschonung. Die einzigen, die in Österreich zur Sorgearbeit gezwungen werden, sind also die Frauen.

Die einzigen, die in Österreich zur Sorgearbeit gezwungen werden,
sind also die Frauen.

Und zweitens habe ich erfahren, und das macht mich immer wieder fassungslos: Alle Parteien bekennen sich dazu, dass diese Sorgearbeit nicht bezahlt werden soll. Das Argument lautet: Das wäre dann ja eine Herdprämie, und man möchte sich ja nicht ins rechte Eck setzen lassen. Es ist eigentlich auch ein Zeichen dafür, wie bei uns Sorgearbeit gesehen wird: als ein Beim-Herd-Herumstehen. Und das ist es ja nicht. Und es gibt auch einen anderen Namen statt Herdprämie, und der heißt: Sorge-Einkommen.

In den 1970er Jahren war die Lohn-für-Hausarbeit-Kampagne eine weltweite Bewegung, die genau für dieses Einkommen gekämpft haben. Die haben schon damals gesagt: Das würde einer Frau überhaupt erst ermöglichen, erstens einmal unabhängig zu werden, sich aus unguten Beziehungen zu lösen, und zweitens ohne Druck auswählen zu können, welchen Zweitjob sie annnehmen will. Und im Grunde wäre dann die Sorgearbeit auch für Männer attraktiver und wir hätten mehr Männer bei den Kindern.

 

Eigentlich bin ich Schriftstellerin. Und am liebsten würd ich mit anderen auf Englisch über englische Gedichte sprechen. Ich gebe ehrenamtlich Konversationskurse für Deutschlernende im Büro der Nachbarschaften. Das sind Frauen aus China, aus der Ukraine, aus dem Iran, und wenn von ihnen keine Anliegen kommen, hol ich meine Gedichte heraus.

Meine literarischen Bücher haben auf die eine und andere Weise alle mit Süchten zu tun. Das erste Buch heißt "Tausend Türen hat die Hölle". Da verabredet sich die Protagonistin mit Männern aus dem Internet und stolpert von einer Enttäuschung zur anderen. Das Buch ist autobiografisch und heute im Rückblick würde ich sagen, es ist eindeutig meiner Beziehungssucht zuzuordnen.

Das Buch "Trockenrausch" ist eine fiktionale Beschreibung eines Alkoholentzugs, und hat die Erkenntnis: Drogen und Alkohol sind was für Anfänger, denn wer richtig cool ist, zieht sich die Realität rein. Mein drittes Buch, "Flankenschmerz", ist rein fiktional: Da geht es um eine Mörderin in Graz, die andere Frauen tötet.

Mein aktuelles Werk heißt "Das Manifest zur Abschaffung der Frau - Eine parafeministische Anleitung zur Vergesellschaftung der Sorgearbeit". Es geht um die Beseitigung der co-abhängigen Möglichmacherinnen des patriachal-kapitalistischen Suchtsystems, die Emanzipation der Männer und die Kollektivierung der Sorgearbeit.

Heute werden die Frauen ja nur rethorisch abgeschafft, zum Beispiel wenn es heißt Carearbeiter*innen, wobei es da ja kaum Männer gibt, oder Sexarbeiter*innen, so als würde es schon Sexarbeiter und Bordelle für Frauen geben. Ich hab da für Radio Helsinki Gespräche mit Callboys geführt, um zu schauen, wie weit stehen wir da schon mit der sexuellen Versorgungsarbeit, und ich muss sagen: Es hat sich nichts getan.

In einem Kapitel geht es darum, dass am Grazer Tegettoffplatz, wo wir vorhin die Fotos gemacht haben, statt diesem Denkmal der Kriegsverherrlichung ein Sorgezentrum stehen sollte.

In einem Kapitel geht es darum, dass am Grazer Tegettoffplatz, wo wir vorhin die Fotos gemacht haben, statt diesem Denkmal der Kriegsverherrlichung ein Sorgezentrum stehen sollte. Ein konsumfreier Ort, wo Leute einfach hingehen, um Sorgearbeit zu tauschen, miteinander zu sprechen, einander zu unterstützen, ein erweitertes Wohnzimmer mit einer erweiterten Familie. Ein sicherer Ort für Kontakte und gemeinsame Aktivitäten, von klein auf bis ins hohe Alter. Die Idee dahinter ist, einen Ersatz zu schaffen für die verloren gegangenen Matri-Clans, die wir früher ja hatten. Für mich könnte das zum Beispiel heißen, dass ich dort einmal auf mehrere Kinder aufpasse, und dafür dann einmal Freizeit habe von meinem eigenen Kind.

Für mich könnte das zum Beispiel heißen,

dass ich dort einmal auf mehrere Kinder aufpasse, und dafür dann einmal Freizeit habe von meinem eigenen Kind.

Wie wichtig solche Gemeinschaften sein können, hab ich bei den 12-Schritte-Gruppen erfahren. Die haben mir wirklich den Karren aus dem Dreck gezogen, mich aus der Isolation geholt. Sie haben es geschafft, dass ich wieder Vetrauen in andere Menschen fassen kann.

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