LESEZEIT: 08-10 min
veselin
Ich schlafe schlecht, weil ich so viel denken muss. Ich schlafe um neun Uhr ein, aber um elf bin ich schon wieder wach, und im Kopf rotiert es. Meine Psyche ist schon ganz verdreht. Ich schaue fern, um noch einmal einzuschlafen. Wenn es gelingt, schlafe ich von eins bis vier Uhr, dann schrecke ich wieder hoch und fange an zu grübeln, wie ich genug Geld für meine Familie zusammensammeln kann, vor allem jetzt für meine Frau, die noch eine Operation braucht.
Wenn es gelingt, schlafe ich von eins bis vier Uhr, dann schrecke ich wieder hoch und fange an zu grübeln, wie ich genug Geld für meine Familie zusammensammeln kann, vor allem jetzt für meine Frau, die noch eine Operation braucht.
Ich mach mir einen Kaffee und warte, bis ich zur Arbeit gehen kann.
Ich gehe in den Ersten Bezirk und wenn ich dann an meinem Platz bin, da in der Nähe vom Hotel Park Hyatt und dem Manufaktum-Geschäft, dann beruhige ich mich. Da vergesse ich dann wieder alles. Die Leute kommen vorbei, viele kennen mich und grüßen, hallo Veselin, hallo, manche kaufen mir eine Zeitung ab, andere geben einfach so etwas.
Im Winter bettle ich von zehn bis fünf, im Sommer bin ich um acht in der Früh dort, und bleibe bis acht am Abend. Ich verdiene rund 20 Euro, an guten Tagen. Aber weißt du was, der Hintern und das Kreuz tun mir schon sehr weh. Weil ich nur sitze und nicht gehe. Nur, wenn ich auf die Toilette muss, geh ich von meinem Platz weg. Aber ich halte durch, weil ich für meine Familie arbeite.
Die Polizisten haben mir geraten, mit Zeitungen zu betteln. Seitdem verkaufe ich das MO-Magazin von SOS-Mitmensch. Ich habe dafür auch einen Ausweis, und wenn die Polizei kommt, kontrollieren sie diesen Asweis.
Die Polizisten kennen mich schon, hallo Veselin, hallo. Vorher habe ich mit einem Pappbecher gearbeitet, da haben sie mich gestraft. Mit Zeitungen ist es okay, haben sie gesagt. Diesselben Polizisten, die mir jahrelang Strafen ausgestellt haben.
Die Polizisten kennen mich schon, hallo Veselin, hallo. Vorher habe ich mit einem Pappbecher gearbeitet, da haben sie mich gestraft. Mit Zeitungen ist es okay, haben sie gesagt. Diesselben Polizisten, die mir jahrelang Strafen ausgestellt haben. Ich weiß gar nicht mehr wie oft. Für eine 300-Euro-Strafe wegen Betteln bin ich dann drei Tage im Gefängnis gesessen. Ich habe in den ersten Jahren über drei Monate im Gefängnis verbracht. Bis mir dann jemand von der Bettellobby erzählt hat.
Ich komme aus Bulgarien. Wir waren vier Kinder. Wie sich meine Eltern getrennt haben, war ich sieben Jahre. Ich bin dann bei meiner älteren Schwester aufgewachsen. Mit fünfzehn hab ich begonnen zu arbeiten. Ohne Vertrag.
Ich hab alles gearbeitet. Mit 17 hab ich eine Familie gegründet, und in einer Fabrik für Verpackungen gearbeitet. Mit 18 hab ich geheiratet, kurz darauf ist mein Sohn zur Welt gekommen. Wir haben bei meiner Mutter gewohnt, aber meine Frau und meine Mutter haben sich nicht verstanden. Dann sind wir zu ihrer Mutter gezogen.
Ich musste zum Militärdienst, zwei Jahre lang, dort hab ich Maler und Anstreicher gelernt. Danach hab ich in einem Staatsbetrieb gearbeitet, als Meister. Wir haben die Malerarbeiten für staatliche Einrichtungen gemacht, Kindergarten, Schulen, Wohnblocks.
Ich habe mit dem Direktor gesprochen, dass wir keine eigene Wohnung haben, da hatten wir schon zwei Kinder, und so haben wir eine staatliche Wohnung bekommen, das war 1978. Wir hatten dann zwei Buben und ein Mädchen, alles war gut. Wie die Kinder schon groß waren, haben wir uns getrennt, und ich habe eine zweite Familie gegründet. Mit der zweiten Frau bin ich schon 32 Jahre lang verheiratet. Ich bin jetzt 71.
Bevor die Schiwkow-Zeit zu Ende war, 1989, hatte ich 21 Arbeitsjahre zusammen, angemeldet. Aber mit dem Ende vom Ostblock war auch meine Arbeit weg. Ich war arbeitslos.
Bevor die Schiwkow-Zeit zu Ende war, 1989, hatte ich 21 Arbeitsjahre zusammen, angemeldet. Aber mit dem Ende vom Ostblock war auch meine Arbeit weg. Ich war arbeitslos. Die staatlichen Betriebe sind verkauft worden, alles ist privatisiert worden. Viele haben ihre Arbeit verloren, viele. Von acht Millionen Bulgaren sind zwei Millionen ins Ausland gegangen.
Vorher hat man gearbeitet und hat jede Woche fix seinen Lohn bekommen. Nach der Wende war es nicht mehr garantiert, dass du dein Geld bekommst. Alle haben betrogen. Der, der die Löhne ausgezahlt hat, hat einen Teil davon in die eigene Tasche gesteckt.
Es war schwierig, irgendwo eine Anstellung zu bekommen. Ich hab ich wieder begonnen, alles zu arbeiten, schwarz. Einmal hat ein Kollege mit dem Brennschneider Eisen geschnitten, dabei ist mir ein Splitter ins Auge geflogen. Ich hatte keine Schutzbrille. Seitdem habe ich die Probleme mit meinen Augen. Aber ich danke Gott, dass ich nicht schlimmer krank bin und hier in Wien sein kann.
Ich arbeite für mich und meine Familie. Alle betteln für sich und ihre Familien. Einmal gab es zwei Typen, die andere für sich haben betteln lassen, aber es hat sie wer verpfiffen, und sie sind nach Bulgarien abgehauen. Das kommt vor. Mafia ist das keine. Die Regierung in Bulgarien, das ist eine Mafia. Die oben stehlen alle, Zappzarapp.
Das kommt vor. Mafia ist das keine. Die Regierung in Bulgarien, das ist eine Mafia. Die oben stehlen alle, Zappzarapp.
Für mich ist kein Leben mehr in Bulgarien. Die Bulgaren bespucken uns als Roma. Es ist ihnen egal, wenn du verhungerst. Ich hab dann mit den kaputten Augen auf der Fassade gearbeitet und bin vom Gerüst gefallen. Der Rücken hat geschmerzt, ich hab nicht mehr arbeiten können. Meine Frau hat gearbeitet, aber nur sehr wenig verdient. Ich bin zu den Mülltonnen gegangen, habe Eisen und Kupfer gesammelt und dafür 5, 6 Lewa bekommen. Ich habe lange Zeit gehungert.
Für eine Augenoperation hab ich zu wenig Geld gehabt. Ich habe nirgends eine Krankenversicherung, weder hier noch in Bulgarien. Ich bekomme auch keine Pension. Bei einem Wohnungswechsel sind die Taschen gestohlen worden, die ich auf die Straße gestellt habe. Die Dokumente waren weg, auch mein Arbeitsbuch. Und die Werke, in denen ich gearbeitet habe, waren schon lange weg. Niemand konnte mir eine Bestätigung geben. Ich habe nur Anspruch auf eine Alterspension von 150 Euro. Und meine Frau wird 200 oder 300 Euro Pension bekommen, wir wissen es noch nicht genau.
Meine Schwiegertochter hat mich 2015 nach Wien mitgenommen und ich habe begonnen zu betteln. In den ersten drei Monaten habe ich jeden Tag geweint darüber, dass ich in so eine Situation gekommen bin.
Die vielen Strafen im Gefängnis abzusitzen, hat auch geschmerzt. Und es wären viel mehr geworden, wenn ich nicht eines Tages von der Bettellobby erfahren hätte. Die Bettellobby hatte einen Anwalt, der hat für jede Bettelstrafe einen Einspruch geschrieben, und dann war die Strafe weg, oder stark reduziert. Weil grundsätzlich ist Betteln erlaubt, und die meisten Strafen waren nicht gerechtfertigt.
Heute sitze ich mit der Zeitung da und Danke an Gott, ich hab keine Probleme mehr mit der Polizei. Ich habe seit fünf Jahren keine Strafe mehr bekommen.
Und Danke auch an die Wiener Caritas und an den Augenarzt, dass sie die Operation am rechten Auge möglich gemacht haben. Damit ich nicht zu hundert Prozent erblinde. Weil für das linke Auge ist es zu spät, das ist verloren.
Die Leute wollen nicht, wenn man viel redet. Meistens bin ich ruhig. Ich sage manchmal "Bitte Zeitung, bitte Zeitung", mehr nicht.
Ich bewege mich nicht viel. Ich gehe von meiner Wohnung hier im Zehnten zur Arbeit in den Ersten Bezirk und dann wieder zurück. Ich geh nirgends einen Kaffee trinken. Ich geb so gut wie kein Geld aus. Ich hab eine Waschmaschine, ich koche selber, ich kann Frauenarbeit und Männerarbeit.
Es gibt hier ein serbisches Geschäft, die haben nur abgelaufene Ware, dort kaufe ich für 20, 30 Euro ein, damit komme ich dann drei Wochen aus, das ist Ökonomie.
Das Haus hier ist schmutzig, es gibt Mäuse und Ratten. Ich zahle für die 25m2-Wohnung 500 Euro Miete. Ich habe keine Heizung in der Wohnung, das Klo ist am Gang.
Das Haus hier ist schmutzig, es gibt Mäuse und Ratten. Ich zahle für die 25m2-Wohnung 500 Euro Miete. Ich habe keine Heizung in der Wohnung, das Klo ist am Gang. Ich weiß, dass die Miete zu teuer ist, aber eine andere Wohnung bekomme ist nicht. Ich danke Gott, dass ich überhaupt eine Wohnung habe, und dass ich hier meine Ruhe habe.
Das Wichtigste ist, dass ich immer etwas Geld nach Bulgarien schicken kann. Ich fahr drei, vier Mal im Jahr runter, aber nur kurz, dann muss ich wieder nach Wien, Geld verdienen. Vor einem Monat war ich dort, um mit meiner Frau zu einer Ultraschall-Untersuchung zu gehen, 252 Euro, du musst alles bezahlen.
Ich spiele jede Woche um 7,50 Euro Toto und um 2,50 Euromillionen. Bis jetzt habe ich nur ein paar Euro gewonnen, und ein Mal 100 Euro. Aber ich gebe nicht auf. Wenn Gott mir hilft und ich gewinne ein paar Millionen, dann kann ich vielen Leuten helfen.
Ich kaufe mit den Euromillionen ein Haus, wo Obdachlose gratis wohnen dürfen. Es gibt eine Kantine für arme Leute, auch gratis. Und im Erdgeschoss mache ich eine Kirche. Einen Pastor gibt es auch, damit man beten kann. Ich bin Gott dankbar, dass er mir so viel geholfen hat. Und ich helfe dann den allerärmsten Familien, weil ich ein gutes Herz habe.
(Vielen Dank an die Dolmetscherin Ulli Gladik)

























