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Ich wohne in Linz in diesen Hitler-Bauten, sie sind sogar unter Denkmalschutz gestellt. Ich wollte mal Sonnenschutzjalousien anbringen lassen, aber das war nicht möglich. Im Sommer brennt die Sonne den ganzen Tag rein. Mir gefällt die Wohnung nicht, aber sie ist eben billig, eine Küche, ein Schlafzimmer. Schönere Wohnungen sind ums Dreifache teurer, das kann ich mir nicht leisten. In meiner Wohnung schaut es aus, aber ich lass eh niemanden rein. Ich habe ein neues Bett gekauft, weil das alte kaputt war. Mein Neffe hat mir geholfen, es aufzubauen, aber alles andere steht noch herum, weil er keine Zeit mehr hatte mir zu helfen. Der Schreibtisch ist noch nicht aufgebaut, eine Eckbank. Ich habe nicht einmal Vorhänge.

 

In der Küche habe ich nicht viel zu tun. Ich esse nicht viel. Kochen, das dauert mir zu lange und wofür soll ich kochen, wenn ich allein bin. Ein warmes Essen habe ich nur einmal im Monat, meistens esse ich Wurstsemmeln und trinke Milch. Ich schau, dass mein Gewand sauber ist und dass ich nicht dreckig bin.

 

Ich mag meinen Körper nicht, schon als Bub mochte ich ihn nicht. Jeder ist schöner als ich. Ich trau mich nicht barfuß gehen, weil meine Füße auch nicht schön sind.

 

Es wird immer alles schlechter, politisch, gesellschaftlich, aber auch bei mir selbst. Ich bin 62 Jahre alt und habe eine Berufsunfähigkeitspension, aufgrund von psychischen und körperlichen Erkrankungen. Das Hirn lässt auch mit der Zeit aus. Mir wird öfters schwindlig und dann fall ich um. Auf einem Ohr hör ich nichts mehr, auf dem anderen hör ich nur zu 60 Prozent, ich sehe auch sehr schlecht. Ich habe auch nicht-ansteckende TBC, das wird auch nicht besser.

 

Schlimm ist es, wenn man auf der Straße umfällt und nicht mehr aufstehen kann. Einmal ist mir in der Stadt so schwindlig geworden, dass ich zwar weitergegangen bin, aber mich an der Hauswand entlang abgestützt habe. Die Leute, die vorbeigegangen sind, haben gemeint, schon wieder ein Besoffener. Dann bin ich umgefallen, es hat gedauert, bis mir jemand geholfen hat. Wenn jemand hinter mir geht und ich wackle so, dann denken sie, der ist besoffen und das mag ich nicht. Was passiert denn, wenn ich spazieren gehe? Dann sehe ich Paare und ganze Familien, und warum soll ich mir das anschauen? Da komm ich auf blöde Gedanken. Sie haben wen und ich niemanden. Ich habe keine Freunde, ich war von Kindheit an allein, auch in der Schule war ich ein Außenseiter. Ich sehe seit der Geburt schlecht und hatte Brillen. Da hieß es immer „Du Brillenschlange“.

 

Ich komme aus dem Bezirk Schärding. Die Lehre Großhandelskaufmann habe ich in Wien gemacht. Ich bin dann wieder nach OÖ, später nach Zürs auf Saison, ich war Nachtportier.

 

Dann habe ich ein paar Kurse beim AMS gemacht, aber das waren keine guten Kurse, die ich irgendwie verwenden hätte können.

 

Sie haben mich zum Kika vermittelt, da habe ich einige Jahre gearbeitet. Ich war aber monatelang im Spital und wurde gekündigt. Ich hatte finanzielle Schwierigkeiten und viele Mahnungen bekommen, schon mit Klagsdrohungen. Ich wollte in den Inn gehen. Ich bin aber zur pro mente nach Linz und habe eine Ausbildung zur Sozialfachkraft für Migranten gemacht, das war 2015. Das hat mir gut gefallen, 20 Wochenstunden habe ich gearbeitet.

 

Ich habe sechs Geschwister, ich bin der Jüngste. Das geht mir auch ab, die Familie, wir waren zu neunt auf 40 m2. Klo draußen, Bad gab es keines. Aber da war immer was los. Dass ein zehnjähriges Mädchen ein eigenes Zimmer hat, das war damals nicht so. 

 

Ich wollte Rechtsanwalt werden, das habe ich mir immer so schön vorgestellt, ich wollte immer Einspruch sagen. Ich habe die Handelsakademie gemacht, aber um Anwalt zu werden hätte ich Latein lernen müssen. Das habe ich dann sein lassen. Als ich Schulden hatte, musste ich eh immer Briefe wie ein Anwalt schreiben.

 

Früher bin ich regelmäßig zum Hausarzt gegangen und konnte mit ihm reden. Doch durch Corona ging das nicht mehr so einfach, ich muss vorher anrufen. In der Nacht bin ich wach, ich kann einfach nicht schlafen und um 8 Uhr muss ich schon wieder irgendwo sein. Während Corona musste ich telefonisch Medikamente bestellen. Jetzt könnte ich wieder hingehen, doch ich gehe nicht mehr. Ich bin so träge geworden.

 

Zuhause schau ich fern, vor allem Dokumentationen. Ich schweife auch bei Gesprächen ab, denn ich kann mich nicht mehr so gut konzentrieren. Da ich nicht studiert habe, kann ich mich nicht so gut ausdrücken. Über die Armutskonferenz gibt es soziale Kontakte, das ist gut. Wenn ich jemanden helfen kann, das baut mich auch auf.

 

Ich habe eine Katze, sie ist die Einzige, die mich noch aufbaut. Sie schaut aus wie ein Pandabär, deshalb habe ich sie Panda genannt. Aber sie ist 13 Jahre alt und ich glaub, sie ist krank. 

 

Ich würde gerne schwimmen lernen, im Sommer am See, das wäre schön. Es ist aber schon mehr als fünf Jahre her, dass ich an einem See war. Ich würde gerne mal auf Urlaub fahren, aber ich weiß nicht, ob das noch was wird. Nach Frankreich oder Rumänien an die Schwarzmeerküste.

 

Die gesundheitlichen Einschränkungen und dass ich allein bin, das bedrückt mich. Die Regierung mit dem Kurz hat einen Hass auf Arbeitslose gehabt, „die wollen alle nicht aufstehen in der Früh“, wurde behauptet. Die jetzige Regierung mag die Armen auch nicht. Die Schwarzen wollen alles nur für die Wirtschaft, aber nicht für die Armen. Die würden eh genug bekommen, meinen viele. Bei den Armen wird gespart, die Grünen tun auch nichts dagegen, leider.

LESEZEIT: 08-10 min

wolfgang

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